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#sinndeslebens#alltag#zwischenmenschliches

Ich sag dir was, was du nicht hören willst

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Ich sag dir was, was du nicht hören willst | story.one

Das Apartment in der Stadt

“Jeden Tag, mein Freund, jeden Tag stehe ich hier und verkaufe, was auch immer die Leute gerade von mir brauchen. Meistens Taschentücher, oft auch Kondome. Sieht du dieses kleine Fenster, oben im achten Stock? Hier das alte Gebäude, welches die Narben von vorherigen Kriegen so chic trägt.

Ja, dieses Fenster ist beliebt, beinahe schon bekannt. Ja, mein Freund, jeden Tag stehe ich hier und es ist immer was los. Gestern habe ich einem Mann und einer Frau Kondome verkauft, sie wollte erst gar nicht näher kommen vor Scharm, aber er stand mit breiter stolzer Brust vor mir und verhandelte den Preis, als wäre es mir wichtig, dass die beiden sich schützen. Vermutlich haben sie sich erst kennengelernt, er scheint ein wenig arrogant. Ihrem Verhalten nach ist sie eher zurückgezogen und ruhig. Aber dieses Fenster hat schon so manche in sich gekehrte Person gelockt und verändert.

Ich bin, weiß Gott, nicht frivol, aber ich sehe Menschen kommen und gehen. Manchmal kommen sie lachend und gehen weinend. An anderen Tagen kommen sie weinend und bleiben tagelang, bis das Lachen zu ihnen zurückkehrt. Weil ich hier stehe, halten mich viele für den Hausmeister des Gebäudes, dann kommen sie runter gerannt in allen möglichen Formen und erzählen mir von verstopften Rohren und fehlendem Toilettenpapier. Ich verkaufe ihnen dann Taschentücher. Meistens sind meine Kunden solche, die mein ganzes Sortiment brauchen.

Manchmal mein Freund, da laufen Menschen die Straße entlang und meine Bekannten sagen mir, sie hätten gerne so eine Beziehung wie diese beiden. Bei genauer Betrachtung sagte ich ihnen dann, dass die beiden gestern Streit hatten. Aus dem Fenster kamen nicht nur fröhliche Schreie und die Tassen sind auch geflogen. Wenn sie dann fertig sind, kommen sie aus dem Gebäude wie geleckt und neu, zwinkern mir zu und gehen ihren Weg. Meistens sind es getrennte Wege.

Wenn ich manchmal um die Ecke gehe, um mir einen Kaffee zu kaufen, sehe ich den Mann oder die Frau, die gerade aus der Wohnung gekommen sind mit ihrem eigentlichen Partner, sie treffen sich dort. Keine zwei Gehminuten weg von meinem Arbeitsplatz. Aber es ist nicht schlimm, ich verkaufe ihnen dann nämlich nochmal etwas. Einen Stift zum Beispiel. Oder sie geben mir einfach so etwas Geld, schauen den Partner verliebt an, welcher glücklich ist, einen solchen Gutmensch an seiner Seite zu haben und unsere Wege trennen sich dann wieder. Oft nur für eine Woche, selten sehen ich die Menschen aus dem Apartment nur ein Mal.

Ja, mein Freund, als ich für eine Weile nicht hier gelebt habe, fehlte mir mein Schauplatz, all die spannenden Geschichten, die ich abends meiner Frau im Bett erzählen konnte. Eines Tages kam auch sie zu dem Apartment mit einem Mann, ich fragte, ob ich ihnen etwas verkaufen sollte, danach sah ich sie nie wieder."

© Ida Manko 2022-03-31

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