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#erwachsenwerden#stigma#erzählmalberlin

„Warum müssen wir in Marzahn leben?“

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„Warum müssen wir in Marzahn leben?“ | story.one

„Sie sehen so gepflegt aus.“

Er selbst sah auch nicht ungepflegt aus. Er sei gerade aus Köln nach Berlin gezogen und hatte mich abends in der Bahn angesprochen. Ob ich mich schon nach Marzahn-Hellersdorf vorgewagt habe? Als ob das eine Auszeichnung wäre! Na ja, vielleicht war es das und ich hatte diesen Bezirk verdient.

Zur Welt kam ich in einem DDR-Krankenhaus in Kaulsdorf, einem Ortsteil von Hellersdorf in Ost-Berlin. Eigentlich wollte ich gar nicht geboren werden, aber die Ärzte taten es doch. Einfach so Periduralanästhesie, es musste schnell gehen. Meine Kindheit in der Platte war dann eigentlich ganz gut. Aber kurz nach meinem 10. Geburtstag zogen wir dann ganz überraschend nach Marzahn. Eine Art Upgrade. Die neue Wohnung war größer und moderner, ich hatte mein eigenes Zimmer und wir alle eine bessere Aussicht. Ja, Hochhaus. Zu der Zeit wurden auch einige Berliner Bezirke fusioniert: Wedding mit Mitte, Tempelhof-Schöneberg und Marzahn mit Hellersdorf. Sie würden sich bestimmt gut verstehen. Also verließen wir Hellersdorf, aber lebten quasi immer noch dort.

Als ich dann später vom piefigen Biesdorf auf’s mittig-prenzlbergige John-Lennon wechselte, fühlte ich mich zwar etwas befreiter, aber gleichzeitig schämte ich mich. Von allen hatte ich den längsten Schulweg und ich kam aus Marzahn. Zum Glück musste ich nur in der Tram sitzen und 45 min zum Rosenthaler “juckeln”. Morgens also noch schnell in der Bahn die Hausaufgaben gemacht, lesen und dösen… Na ja, nicht wirklich dösen; konnte ja immer irgendein Bekloppter einsteigen!

Auf dem Rückweg ließ ich dann den Schultag Revue passieren so wie die sich verändernden Straßenlandschaften: Altbauwohnungen wichen Brachland, dann kam das vietnamesische Einkaufscenter. Dann die Klinik für Essgestörte inklusive Schafweide. Danach die große Kreuzung mit Tanke und der Bushaltestelle zum Polenmarkt, und dann war da die einst so begehrte Neubausiedlung, die sich nun anscheinend „No-Go Area“ schimpfte.

„Ist dir schonmal was Schlimmes passiert?“ „Ich bin noch am Leben.“ Gab es da nicht einen ausländerfeindlichen Angriff mitten am U-Bhf Eberswalder Str? Und das Café „An einem Sonntag im August“ hatte doch auch was Rassistisches an seine Tür gepostet? Aber selbst meine vorurteilssensiblen BIPOC’s konnten ihre Vorurteile nicht verbergen: „Marzahn?! Du Arme!“

Ok. Vielleicht waren wir nicht so reich, dass wir uns eine betuchte Reihenhaushälfte und ein Auto leisten konnten. Aber einmal fragte ich meine Mutter dann doch. „Warum müssen wir in Marzahn leben?“ „Was denn? Hier ist’s doch schön.“ Sie schaute auf die Bäume und die untergehende Sonne am Horizont. „Außerdem kriegen wir für das, was wir hier zahlen, woanders nicht mal die Hälfte.“

Mit der Rolle der beobachtenden Randfigur kann ich mich seitdem gut identifizieren. Na klar ist da “Cindy”, - aber andere gibt's auch noch. Und mittlerweile weiß ich, dass sogar Harvard-Graduates aus Marzahn-Hellersdorf kommen können.

© Indra Bahía 2022-02-16

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