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#gewohnheit#fremdewelten#zufallsbegegnungen

Schlechte Gewohnheit

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Schlechte Gewohnheit | story.one

„Gleich mein Schatz, gleich sind wir da“. Sie ist 23. Ihre Tochter drei. Ganz fest halten sie sich die Hand. Mit großen Augen bestaunt die Kleine die einfahrende Linie, von der sie genau weiß, dass sie sie zu ihrem neuen Zuhause bringen wird. Ihr linker Zeigefinger drückt die Unterlippe zwischen ihre Vorderzähne. Geübt beißt sie in die dünne Haut und pellt Schicht für Schicht ab. Die schlechte Gewohnheit ist ein Erbe ihrer Mutter. Aufregung, Neugier, Zerrissenheit – alles, was ihr Inneres aufwirbelt, kommt in dieser Geste zum Ausdruck. Die Mutter gibt ihr einen leichten Stups von der Seite. „Hey, lass das. Du weißt doch, dass du das nicht tun sollst“. Paralysiert von den Eindrücken der fremden Umgebung gehorcht sie. Mit ihren großen braunen Augen bestaunt sie die Menschen, die dicht an dicht an der Metro-Station stehen.

Im Treppenhaus riecht es seltsam. Der Lichtschalter lässt nicht alle Glühbirnen aufleuchten wie erhofft. Das Licht der einen Lampe im Erdgeschoss reicht gerade so aus, um den Weg nach oben zu erahnen. Die Mutter ist nach zwei Treppenabsätzen außer Atem – wild übereinander geworfene Jacken und Taschen hängen an ihr wie an einer Garderobe. Mit jedem Schritt baumeln sie hin und her und geben den Takt vor. Im vierten Stock angekommen, setzt sie alle Sachen auf den Boden ab, seufzt erleichtert und atmet ein paar Mal tief ein und aus. Nachdem sie ihre Kleidung zurechtgerückt hat, geht sie in die Hocke und streichelt der Kleinen die Haare aus dem Gesicht. Sie legt die vorderen Strähnen behutsam hinter ihre Ohren, so wie beide es am liebsten mögen. Ihre Hände lässt sie kurz auf den zarten Schultern ruhen. Nach einem müden, halben Lächeln gefolgt von einem Kuss auf die Wange sagt sie: „Es ist alles gut, keine Angst. Wir werden es schön haben.“

Vor eine der drei verschlossenen Türen auf dieser Etage stellt sie sich kerzengerade auf. Bzzzz. Das Klingeln löst in der Wohnung ein Bellen aus. Reflexartig versucht jemand, den Hund zu beruhigen, während schwere Schritte langsam auf die Tür zukommen. „Who is it?“, fragt die Stimme hinter der Tür vorsichtig. „It’s me, Kira“, antwortet die Mutter leise. Der Schlüssel auf der anderen Seite dreht sich, rhythmisch fallen die Stifte ins Gehäuse.

Die Wohnung ist nicht groß, aber die Sonne scheint rein und täuscht mitten im Wohnzimmer ein goldenes Meer vor. Sie sitzt auf dem Sofa, wo sie warten soll während sich die Mutter mit der anderen Frau in der Küche unterhält. Ihren Zeigefinger presst sie gegen die Unterlippe. Am Türrahmen zum benachbarten Zimmer erblickt sie einen Körper, den sie niemandem, den sie kennt, zuordnen kann. „Didn’t your mummy teach you to stop that?”

© Inga Movsisyan 2021-05-03

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