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Meine Mama

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Meine Mama | story.one

Immer wieder überlegte ich, auch mit meiner jüngeren Schwester, warum ist sie so, was ist in ihrem Leben wirklich schief gelaufen, wo beginnt die "Krankheit", was war der Lauf der Dinge. Wir versuchten zu reflektieren, ich auch immer wieder, ihr zu "helfen", aber sie versperrte sich, konnte sich nicht öffnen, zu schlimm müssen die Erlebnisse sein, zu tief begraben, zu traumatisierend.

Schon als Kind war sie anders, von Geburt an hatte sie eine gelähmte rechte Hand. Nicht viel wert für die harte Arbeit auf dem Bergbauernhof. Schon wieder ein Mädchen, nach bereits zweien. Diese Wertlosigkeit bekam sie von klein auf zu spüren.

Mit 16 kam sie in ein Heim für Behinderte zur "Berufserprobung". Dort sollte sie mit ihrer Behinderung lernen zu arbeiten. Sie blieb ein halbes Jahr und kam wohl mit einer Essstörung nach Hause. Sie nannte es Abmagerungskur. Sie nahm nur Brot, Suppe oder Wasser zu sich. Dann war sie mit ihrer ältesten Schwester auf Wintersaison in Hochsölden, wo sie als Abwäscherin gearbeitet hat. Nach einer Saisonpause begann sie im Juni abermals mit ihrer Schwester eine Stelle im Zillertal. Ihre Mutter kam auf Besuch, irgendwie konnte sie die Abmagerungskur nicht mehr halten wegen Krapfen, die sie essen sollte. Da kommen nur verwirrte Erinnerungen aus ihr. Sie dürfte aus Schuldgefühlen heraus einen Zusammenbruch gehabt haben, sie kam auf die Psychiatrie. Da war sie mit etwa 18 Jahren für 1 1/2 Monate. Mit 20 Jahren war sie ein weiteres Mal im Krankenhaus, weil sie ihre Medikamente nicht nahm und ihre Mutter das bemerkte ("Die vertrugen sich nicht mit der Abmagerungskur"). Dieses zweite Mal für länger. Ob bereits beim ersten Mal, beim zweiten Mal oder überhaupt erst Jahre später die schizoaffektive Psychose festgestellt wurde, kann ich nicht sagen.

Fortan sprach sie immer von ihrer Schuld mit der Abmagerungskur, das hat ihrer Meinung nach alles ausgelöst.

Heute weiß ich, dass das eine Erkrankung ist, die oft im Jugendalter ausbricht. Zufällig hat im weiteren Familienkreis meines Mannes eine junge Frau dieselbe Krankheit bekommen, etwa im gleichen Alter wie meine Mama damals.

Meine Mama hatte damals kaum positive Unterstützung, was den Ausbruch der Krankheit wahrscheinlich leichter gemacht hat. Das größte Problem war über die Jahre, die (Un-)Regelmässigkeit, in der die Medikamente genommen wurden und dass die Medikamente nicht immer gleich wirken, bzw. sich nach einiger Zeit, die Wirkung verändert. Dann immer folgte ein rapides schlechter Werden ihres Zustandes. Sie selbst konnte nicht den Weg ins Krankenhaus gehen. Zu schlimm waren ihre ersten furchtbaren Erfahrungen dort. Sie nahm meistens eine Überdosis und verständigte dann die Rettung. Nach mehreren Wochen in der Psychiatrie ging es wieder so bis zu zwei Jahren "gut".

Dazwischen war es ein permanentes Auf und Ab, mal besser, mal schlechter.

Ihr Schicksal - unser Schicksal.

Ihre Überlebensfrage - unsere lebenslange Frage.

Ihr Überleben - unser Leben.

© Isi Dora 2020-01-10

Schattenseiten

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