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Frischluft für den Frischluftfanatiker

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Frischluft für den Frischluftfanatiker | story.one

Frische Luft ist essenziell für unser Wohlbefinden, für meines zumindest. Dazu gehört, die Nacht bei gekipptem Fenster zu verschlafen und am Morgen draußen kühlen Sauerstoff zu inhalieren. Das belebt die Sinne. Selbst an trüben Regentagen brauche ich die Frische, um den Gehirnzellen Sauerstoff bereitzustellen.

Ich bin kein Autofanatiker. Mein Fahrzeug muss universell einsetzbar sein, mich von A nach B bringen, ausreichend Platz bieten und beim Treibstoffkonsum Diätwillen zeigen. Trotz meiner Frischluftvorliebe war ein Oben Ohne-Vehikel nie ein Thema. Stellt ein solches bei unbedachter Verwendung hohe Ansprüche an die Lufttemperatur und zeigt Regenallergie.

An einem Freitag im Oktober 2016 war ich auf dem Weg in die Steiermark. Nach dem Tunnel reihte ich mich an der Mautstelle Bosruck zur Entrichtung des Wegezolls ein. Am Schalter angekommen drückte ich auf die Taste an der Autoinnentür. Die Scheibe bewegte sich erwartungsgemäß nach unten. Als sie fast unten war, vernahm ich ein leichtes Knacken. Sie bewegte sich plötzlich holprig, kam zu Stillstand. Ich drückte die andere Taste, nach oben, das Knacken verwandelte sich in Rattern, die Scheibe sackte vollständig ab und verharrte sodann unbewegt. Weder auf noch ab. Mir war klar: Die kommt heute nicht mehr hoch. Denn da drinnen ist ein kleines Zahnrad zur Bewegungsübertragung versteckt. Dieses hatte wohl akuten Kariesbefall und schlagartig alle Beißerchen verloren.

Freitag um 18 Uhr gibt es jedoch keinen Autodoktor am Land, der noch ordinieren würde. Da das Wochenende verplant war beschloss ich, wieder Fahrt aufzunehmen und die fehlenden 90 Kilometer in Angriff zu nehmen. Regen war nicht in Sicht. Nach nur einem Kilometer merkte ich, dass die nun ungehindert einströmende Luft nicht nur viel, sondern schon ziemlich kühl war.

Ich hielt an, um mich wintergemäß zu adjustieren. Ich hatte ja alles dabei, wegen einer geplanten Bergwanderung: Warme Jacke, bis unter die Nasenspitze zugezogen, Haube und Handschuhe. So setze ich mich wieder hinters Lenkrad und das Auto in Bewegung. Auf der Autobahn empfand ich es als günstig, die Geschwindigkeit mit 90 zu limitieren. Denn Luftströmung und -geräusch suggerierten mir ohnehin 150. Natürlich wurde ich pausenlos überholt. Manche Leute winkten freundlich herüber, andere schauten verständnislos. Trotz Lüftüberschuß verfiel ich in Schnappatmung. Einige Beifahrer deuteten mir ein Vögelchen. Ich zuckte mit den Schultern, hatte ja keines dabei, musste mich konzentrieren.

An der Autobahnabfahrt hielt sogar einer an und erkundigte sich nach meinem Geisteszustand. Ich erschien ihm suspekt, ein Räuber auf der Flucht? Dankend lehnte ich ab als er die sicherheitshalber die Polizei verständigen wollte. Die weiteren 50 Kilometer absolvierte ich mit 60, begleitet von bereits bekannten Reaktionen.

Unglaublich erfrischt erreichte ich mein Ziel. Dieses Beweises, dass ich Frischluft mag, hätte es jedoch nicht bedurft.

© JanGroenhain 2021-09-15

schuledeslebens Alltagskomik

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