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#selbstverwirklichung#singlestorys

In den Speichen abgespeichert

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In den Speichen abgespeichert | story.one

In meiner Spezies habe ich ein Methusalem-Alter erreicht. Das ist ungewöhnlich in unserer Wegwerfgesellschaft. Beachtliche 37 Jahre habe ich in den Speichen. OK, der Lack ist ab. Aber ich habe einen schlanken Rahmen mit Rennlenker und viel Erfahrung. Trotzdem friste ich ein verstaubt tristes Dasein im hintersten Winkel des Kellers und habe schon jahrelang kein Tageslicht mehr gesehen.

Dabei war Jan in den ersten Jahren immer gut zu mir. Viel haben wir gemeinsam unternommen, waren ein eingeschworenes Team, haben getreten und zusammen den Fahrtwind genossen. Dann hat er sich ein jĂŒngeres, ein GelĂ€ndegĂ€ngiges zugelegt.

Eines der besten Erlebnisse hatten wir vor 35 Jahren. Jan hatte mich mit Packtaschen aufgemotzt und diese mit allerlei Zeugs befĂŒllt. Und dann ging es los auf eine zehntĂ€gige Ausfahrt, vom Innviertel bis nach St. Moritz. Jan war damals körperlich sehr fit und wollte es wissen. Ich auch, ich war bereit.

Die Fahrt ging in Tagesetappen von 90- 120 km ĂŒber Hallein, Kaprun, Uderns im Zillertal, Landeck, St. Moritz und Chur bis nach Bregenz. Radwege gab es damals noch kaum, deswegen mussten wir Bundes- und Nebenstraßen beradeln. Auch Sturzhelme waren damals unbekannt, eine Kappe war ja genug.

Jan strampelte tĂŒchtig. Der Gerlospaß aber war eine Herausforderung. Der Anstieg hat zwar nur 500 Höhenmeter, ist aber nicht zu verachten. Stellenweise benötigte er die ganze Straßenbreite, um mich mĂ€anderförmig nach oben zu treten. Dabei keuchte er was von „zu viel mitgeschleppt“ und „Übersetzung nicht klein genug“ vor sich hin. Als ein Autolenker hielt und anbot, uns mitzunehmen, war er aber dann doch zu stolz.

Drei Tage spĂ€ter mĂŒhten wir uns das Engadin hinauf, 1000 Höhenmeter ab Landeck. Etwa 20 km vor St. Moritz bogen wir ab, in den kleinen Weiler Susauna. Dort befand sich die Ă€lteste Jugendherberge der Schweiz. Ein altes Haus, das Wohnraum, Schuppen und Stall in einem vereinte. Jan nĂ€chtigte auf Heu im Gemeinschaftslager. Das einzige Wasser kam aus dem Brunnen und war eiskalt. Bestens geeignet fĂŒr eine ultra-erfrischende Körperpflege.

Am Folgetag ging es von St. Moritz auf den Albulapaß, 2312 m. Der Anstieg war eine Plagerei und Jan freute sich unbĂ€ndig auf die folgende flotte 1000 Höhenmeter-Abfahrt. Und was war die RealitĂ€t? Wir zauderten fast im Schritttempo talwĂ€rts, meine Bremsen schrien laut. Warum? Die Straße war gerade frisch asphaltiert und mit einer Schicht Rollsplitt bedeckt worden. Da war Jan echt sauer und er trat mich im Anschluss krĂ€ftig.

Nach 800 km erreichten wir Bregenz. Da hatte Jan genug. Die RĂŒckreise erfolgte bequem per Bahn.

Lange ist das her. Ein paar Mal hĂ€tte ich schon am SperrmĂŒll landen sollen. Doch mein treuherziger Blick hat Jan jedes Mal umgestimmt. Jetzt steht seit kurzem ein breitreifiges junges Ding neben mir. E-Bike heißt das, glaube ich. Das schaut mich immer ganz verĂ€chtlich und herablassend an. Aber Jan hat mir versprochen, dass er mich wieder in Schuss bringen wird. Irgendwann.

© JanGroenhain 2021-10-14

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