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Das Opernglas

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Das Opernglas | story.one

Da lag es vor mir: das Opernglas. Sorgsam eingewickelt in Seidenpapier, in einem schwarzen Lederetui, hatte dies mir ein Freund ins CafĂ© Kommunal geschickt. EhrfĂŒrchtig nahm ich das Glas in die Hand. GefĂŒhlt war es um die gesamte Welt gereist, hatte so manche AuffĂŒhrung in den großen HĂ€usern der Welt gesehen, wie mir mein Freund versicherte. Er wĂŒnschte sich das Glas in guten HĂ€nden.

Ein Zauberglas, wie ich Wochen und Monate spĂ€ter feststellte. Denn blickte ich in der Staatsoper wĂ€hrend einer AuffĂŒhrung durch das Glas hindurch, riss das Geschehen an einigen Stellen ab. Das, was ich sah, irritierte mich. Ich sah nicht, was ich erwartet hatte, fĂŒr einen Moment meinte ich mich im Wahn. Denn das, was ich sah, waren die AuffĂŒhrungen von dazumal. Wie in einer Collage durchbrachen Passagen aus einer anderen Zeit das aktuelle Geschehen. Doch sah ich nicht schwarzweiß, wie Fotos alte Zeiten dokumentieren, noch waren die Bilder verwackelt, wie wir dies von Videoaufnahmen im Format V8 von Familienfeiern kennen.

Ich benötigte einige Zeit, bis ich den Zauber des Opernglases schließlich entschlĂŒsselte. Ich genoss den Umstand, die AuffĂŒhrungen zu erleben, wie Hellmuth seinerzeit das Geschehen verfolgte, farbenfroh, manches verschwommen, anderes wiederum glasklar. Hellmuth, ein St. Paulianer, was er Zeit seines Lebens blieb, der wĂ€hrend des Auftritts der Beatles im Star-Club in der Großen Freiheit beim Anblick des ungestĂŒmen Treibens Reißaus nahm und sich fortan der klassischen Kunst zuwandte. Er ging begeistert in die Oper, war ĂŒber viele Jahre Besitzer eines Abonnements. Beinahe sein gesamtes Leben blieb er allein, bis Hildegard, die Großmutter meines Freundes, nach dem Tod ihres Mannes Arnold entschied, dass Hellmuth ein passender Partner sei, wogegen er sich kaum wehren konnte. Sie kannten sich seit Jugendjahren. Arnold wurde von der Handelsmarine aufgebracht, wĂ€hrend Hellmuth im Rahmen des Notabiturs als Flakhelfer im Bunker auf dem Heiligengeistfeld viele Stunden zu dienen hatte. SpĂ€ter wurde Hellmuth Techniker im Flugzeugbau. Er zog aus der Silbersackstraße zu seiner Hildegard in die Hamburger Hochstraße, gleich um die Ecke vom Hein-Köllisch-Platz, wo sie dreiundzwanzig Jahre miteinander verbrachten. Doch als Hildegard starb, baute Hellmuth deutlich ab.

Auf diese Weise reise ich nunmehr seit Jahren mit Hellmuth im GepĂ€ck um die Welt. Oder reise ich ihm nach? Fasziniert erblicke ich meine Welt mit seinen Augen, finde ich heraus, was ihn wohl interessiert haben könnte. So entdeckte ich in den Uffizien beim Anblick der Fresken, als ich das Opernglas zu Hilfe nahm, dass auch Hellmuth dort gewesen war. SpĂ€ter stellte sich heraus, dass er alle großen Kunstmuseen in Europa kennengelernt hatte. Ihn in meinem GepĂ€ck zu wissen, empfinde ich nie als störend oder unangenehm. Ganz im Gegenteil: Es ist mystisch. Mein Blick durch sein Opernglas sprengt meine naive Vorstellung von Raum und Zeit.

© Jens Hanisch 2021-08-06

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