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Hamburg – New York

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Hamburg – New York | story.one

Wandern. Frei sein. Hamburg und sein Hafen. Lena und ich stiegen am Anleger Övelgönne auf die Fähre. Wir setzten uns auf das Sonnendeck und ließen uns für die nächste halbe Stunde den kühlen Wind um die Ohren wehen. Heimlich, aus dem Augenwinkel beobachtete ich sie, wie sie die Augen schloss und ihre Nase zufrieden der Sonne entgegen streckte. Der Wind spielte mit ihrem feinen, dünnen Haar. Erst am Morgen hatte ich sie in der Kunsthalle kennen gelernt.

„Du wirst lachen“, erklärte sie: „Mein erster Ausflug in New York soll eine Fahrt mit der Staten Island Ferry sein. Ich will auf die Freiheitsstatue steigen, sie mit meinen Händen berühren, dort meine Nase in den Wind strecken und die Aussicht auf die Skyline von Manhattan genießen.“

Ich stellte mir vor, wie das wohl wäre, gemeinsam mit Lena, in New York, an einem sonnigen Tag wie diesem: In der U-Bahn sitzen wir sanft aneinandergeschmiegt nebeneinander, halten uns an den Händen und warten geduldig, bis das Ruckeln der Bahn schließlich stoppt. Zu Fuß schieben wir uns rücksichtsvoll durch die Menschenmenge die Stufen aus der U-Bahn hinauf, gehen die kurze Strecke zum Fähranleger, umsichtig, niemanden zu stoßen. Auf der Fähre ergattern wir einen Platz in der Sonne, beugen uns mit ausgebreiteten Armen über die Reling und blicken erwartungsvoll auf den Strom hinaus.

Phantasien solcher Art knüpfen das Band. Die Zuversicht einer Zukunft in Gemeinsamkeit spannte den dünnen Faden zu einem Menschen, den in mein Herz zu schließen ich mich wagte. Ein kurzer Moment in Unbedachtheit bemächtigte sich meines Willens, meines Seinwollens, ohne Wenn und Aber.

Lena folgte mir in meine kleine Wohnung unters Dach.

„Hübsch“, merkte sie an, warf einen kurzen Blick in die kleine Küche und das schmale Badezimmer, bevor sie die Balkontür öffnete und sich auf einen von den zwei Stühlen ins Freie setzte.

„Dein Baumhaus also?“, fragte sie und sah mich erwartungsvoll an.

Ich nickte. Ich ließ sie kurz allein, ging in die Küche, nahm zwei Gläser aus dem Schrank und öffnete eine Flasche Wein. Ich setzte mich zu ihr, schenkte ein, und gemeinsam sahen wir in die Tiefe auf die Straße.

„Ein Reisender“, bemerkte sie.

Ich stutzte.

„Ich sagte: Du bist ein Reisender. – Deine Wohnung ist möbliert, du besitzt kaum Bücher oder CDs. Du wärest in der Lage, all deine Habseligkeiten in einem Rucksack zu verstauen, eine Sporttasche zu packen und deine Reise fortzusetzen. Richtig?“

„Genau so soll es sein“, antwortete ich.

© Jens Hanisch 2021-01-22

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