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#trauer#trost#trauerbewältigung

Indian Summer

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Indian Summer | story.one

„Bereit?”, fragte Martin. Es war inzwischen Mittag. Gleich nach dem Frühstück hatte Johanna einen Sessel vor das Panoramafenster ihres Hotelzimmers gerückt. - „Menschen reisen dieser schwindenden Schönheit wegen in die Stadt.” - Fasziniert blickte sie auf die Farbenpracht des Herbstes, dem Farbenspiel von Grün, Gelb und gesprenkeltem Rot, dem Rotbraun ins bald wechselnde Braun, das Fallen der Blätter, dem Vergehen, und hing ihren Gedanken nach.

Johanna hatte ihnen ein Zimmer in einem anderen Hotel als dem gebucht, wo sie vor Jahren mit Ben ihre gemeinsame Zeit in der Stadt verbracht hatte. Die Erinnerungen hätte sie nur schwer ertragen. Nach einem ausgiebigen Frühstück tagsüber der Besuch einer Sehenswürdigkeiten, etwa des Museums of Fine Arts. Am späten Nachmittag das gemeinsame Essen in einem der zahlreichen Restaurants in Chinatown, ab und an auch im Hotel. Am Abend ein Kino- oder Theaterbesuch, das Konzert in der Symphony Hall mit dem Boston Symphonie Orchestra würde nie in Vergessenheit geraten. Noch heute begann Johanna zu weinen, sobald sie die ersten Töne des Allegrettos aus der Siebten Symphonie von Ludwig van Beethoven vernahm, für sie ein Marche Funèbre.

Johanna stand entschlossen auf. Sie schlüpfte in ihre Stiefel, zog ihre Jacke über und griff ihre Handtasche. - „Ich bin bereit.” - Auf ihren Wunsch hin gingen sie zu Fuß. Johanna kaufte noch einen Blumenstrauß bis sie nach gut einer halben Stunde das Krankenhaus erreichten.

„Möchtest du alleine gehen?”, fragte Martin. „Nicht unbedingt. Komm nur mit.” - Im Krankenhaus kramte Johanna in ihrer Erinnerung. Martin folgte ihr in die erste Etage. Dort blieben sie vor dem Eingang zur Krankenhauskapelle stehen und traten nach einem kurzen Moment ein. Sie setzten sich.

Martins Blick blieb zunächst auf dem blauen Rosettenfenster oberhalb des Altars haften, der eigentlich keiner war, sondern einem solchen nur ähnelte. Zum Ende hin hatte Johanna beinahe täglich dort gesessen. Die tröstenden Worte der Krankenhausseelsorger gaben ihr Kraft, an seinem Bett zu sitzen und Ben auf seiner letzten Fahrt zu begleiten. Die Hoffnung war in jenen Tagen längst versiegt. Ben war inzwischen schwach geworden, wog kaum mehr als hundert Pfund. Johanna hielt seine Hand, streichelte über seinen harten Kopf und wischte mit einem Tuch den kalten Schweiß von seiner Stirn. An einem Dienstag öffnete Ben seine Augen nicht mehr. Seine linke Hand hatte sich an den Bettrost gekrallt. Johanna schlief, als er starb.

Für die Blumen fand Johanna in der Abseite eine Vase. Sie stellte die Blumen zu Füßen des Altars zu den anderen. - „Hat er mir verziehen, dass ich schlief?”, fragte sie Martin. „Er hat dich geliebt. Wie hätte er dir nicht verzeihen können?”

© Jens Hanisch 2021-02-26

SchattenseitenTrauer

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