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#schönheit#musik#hamburg

Julie

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Julie | story.one

An einem Abend im Oktober, mitten in der Woche, stolperte Julie mehr zufällig ins Café Kommunal. Auf der Flucht vor einem ordentlichen Regenschauer nahm sie die zwei Stufen zum Lokal. Sie machte einen Satz in die Gaststube – die Tür, von einer Windböe erfasst, schlug hinter ihr mit einem lauten Knall zu. Ihr Auftritt.

„Pardon“, entschuldigte sie ihr abruptes Auftreten. Eine Französin.

Kurzentschlossen setzte sie sich zu mir an den Tresen und bestellte einen Campari. Ich blickte in ein hübsches schmales Gesicht, betrachtete das dunkelblonde glatte Haar, als sie wenig später das Klavier in der Ecke entdeckte. Kurzerhand erkundigte sie sich, ob sie spielen dürfe.

„Was spielst du?“, fragte Michael, der Barkeeper.

„Chanson?“

„Einverstanden.“

Entzückt nahm Julie ihr Getränk und ging hinüber zum Klavier. Sie sammelte sich, atmete tief ein. Sie schloss die Augen und begann zu spielen.

Julies Spiel bedurfte nur weniger Töne. Mit dem Einsetzen ihrer Stimme und den eigentümlichen Klängen ihres Klavierspiels breitete sich im Raum augenblicklich eine andere, fantastische Atmosphäre aus. Unerhört schöne, überirdische Klänge tauchten die Welt gefühlt in ein anderes Licht, hell und klar. Ihre Musik traf mitten in mein Herz, als würde eine seit jeher tief schlummernde Sehnsucht gestillt.

Ihr Musik beschwor die allzu typisch französische Tristesse herauf, die Melancholie, eine Mischung aus tiefer Sehnsucht und ungebrochener Lebenslust, die Lebenskunst, kleinen Hindernissen zu trotzen und den Alltag mit einer gewissen Leichtigkeit zu meistern. Spaziergänge im Regen, mit einem Lächeln auf den Lippen, Regentropfen, die dem Vergnügen nichts anhaben können. Kurz darauf: tief empfundene Traurigkeit, Einsamkeit, die stets wiederkehrenden Zweifel, Unruhe, Rastlosigkeit, die Suche, der Abschied.

Julies Gesang umfasste die gesamte Bandbreite menschlicher Gefühle, die das Leben, den Alltag begleiten, bis hin zur tiefgehenden Erfüllung in Zweisamkeit, Seligkeit, Ganzheit, Wir, dem Bewusstsein, ohne den Anderen nicht zu sein.

Julie denkt die Welt anders, bildete ich mir ein. Sie denkt die Welt neu. Wie durch einen dichten Nebel, einen Vorhang, trat sie auf die Bühne meines Lebens. Nach und nach verstummten die Gespräche an den Tischen. Stille trat ein, einzig durchbrochen von faszinierend, fantastischen Klängen, die sich ihren Weg durch die tiefe Nacht bahnten.

Als der Regen schließlich nach einer guten Stunde aufgehört hatte, ging sie, wie sie gekommen war. Wortlos klappte sie das Klavier zu und zog ihren Mantel an. Sprachlos beobachteten die Zuhörer jeden ihrer Handgriffe. Verlegen winkte sie zum Abschied, vergaß zu zahlen. Niemand sprach.

„Verrat uns wenigstens deinen Namen!“, rief ein Gast in die Stille, kurz bevor sie die Tür erreichte. „Votre nom!“

Mit einem entzückenden Lächeln dreht sie sich um: „Julie.Je m'appelle Julie.“

© Jens Hanisch 2021-03-05

Kaffeehaus

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