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New York I - Aufbruch

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New York I - Aufbruch | story.one

Endlich bist du da, dachte Johanna, bevor Ben losging, die Tickets zu kaufen. Sie saßen sich am Flughafen gegenüber in einem kleinen Bistro, tranken Kaffee und sahen sich fortwährend an. Ben bot Johanna eine Zigarette an. Sie rauchte in ruhigen Zügen, während er nervös schien. Als er ihr Feuer gab, aber auch als er die Rechnung beglich, zitterte seine Hand. Die Zeit verging wie im Fluge, sie hatten sich eine Menge zu erzählen. Ihr ganzes Leben schien ihnen plötzlich klar, all die traurigen Momente, einsame Augenblicke, die kein Ende fanden, verfügten plötzlich über einen Sinn. Die Jahre, in denen sie sich nicht kannten, die sie nicht miteinander teilten, in denen der eine dem anderen fehlte und sich nach ihm sehnte, obwohl keiner ein konkretes Gesicht vor Augen hatte, rückten ins Bewusstsein. Sie erinnerten sich, als hätten sie schon immer geahnt, dass der eine den anderen irgendwann einmal irgendwo finden werde, bewahrten von jeher die Erinnerung sorgsam in ihrem Gedächtnis auf, als hätten sie vor sehr langer Zeit erfahren, ihre Geschichte irgendwann füreinander bereit halten zu müssen. Es schien, als hätten sie sich vor Urzeiten verloren, dass es wie selbstverständlich einiger Zeit bedurfte, bis sie aus ihrer düsteren Vergangenheit, einem Schattenreich voll Melancholie, aufsteigend wieder zueinander finden und das Boot besteigen würden, um gemeinsam in die Fluten der Zukunft einzutauchen, die sich ihnen zu Füßen lang und weit ausbreitete. Lediglich der Zeitpunkt blieb unbekannt, verbarg er sich hartnäckig hinter vielen langen Jahren der Hoffnungslosigkeit, während derer dieser sich zu zieren schien und nicht recht zum Vorschein zu kommen gedachte.

„Das Reiseziel wählst du“, sagt er freundlich aufmunternd.

Gemeinsam fuhren sie frühmorgens im Taxi zum Flughafen. Sie saßen nebeneinander auf der Rückbank. Johanna sah zum Fenster hinaus, während Ben auf ihre Antwort wartete.

„Wie heißt du?“, fragte Johanna.

„Ben. Eigentlich Benjamin.“

„Ich heiße Johanna.“

„Ich weiß. Ich habe deinen Namen in der Bar gehört, während dich die Gäste riefen.“

Häufig hatte Johanna von New York geträumt, hatte sich einen mehrtägigen Aufenthalt in der Metropole ausgemalt, während sie auf ihrer Fensterbank gesessen, einen Kaffee getrunken und in die Tiefe gesehen hatte.

„Wie oft hast du so etwas schon getan?“, fragte Johanna.

Ben versicherte ihr: „Dies ist das erste Mal.“

Sehr zu ihrer Überraschung fühlte Johanna sich an Bens Seite sicher, spürte, dass sie nichts zu verlieren hatte: Raus aus Hamburg, raus aus dem zuweilen stickigen Café, raus aus der engen kleinen Wohnung, hinein in ein anderes neues Leben, eines, das ihr jetzt zu Füßen lag.

© Jens Hanisch 2021-01-24

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