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#risikofreude#verliebtsein#centralpark

New York Plaza

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New York Plaza | story.one

Im Plaza, 59ste Straße, Central Park South, buchte Ben zwei Doppelzimmer für die Nacht. In der 58sten Straße tranken sie in einem kleinen italienischen Bistro einen ersten Milchkaffee. Parkende Lieferwagen, hupende Autofahrer, unzählige Taxis schlängelten sich an ihnen vorbei. Der Zimt auf dem Milchschaum klebte angenehm am Gaumen. Johanna entschied, zur Wall Street zu fahren. Ben winkte ein Taxi heran. Sie stiegen ein und fuhren den Broadway entlang Richtung Süden bis White Hall.

Auf dem Balkon des Empire State Building verschafften sie sich einen Überblick. Links der Hudson River, die Lower West Side, rechts Midtown, Queens, der East River. Den Blick gen Süden gewandt, klaffte einige Kilometer entfernt die Lücke, wo einst das World Trade Center stand, rechts in der Ferne Liberty Island, wo die Freiheitsstatue prangte.

Inmitten der zahlreichen Wolkenkratzer des Theatre District entschied Johanna, dass ein Besuch des Metropolitan Museum of Art unumgänglich sei, tags darauf zog sie den Besuch des Museum of Modern Art hinzu. „Im World Trade Center, im 108. Stock bei Nacht“, erzählte Ben, „saß ich vor einigen Jahren an einem Tisch der Bar vorm Fenster und folgte fasziniert den Lichtern bis zum Horizont.”

Ben war glücklich. Sah er den Glanz in Johannas Augen, ihre Freude, sobald sie etwas entdeckte, das ihr ganz besonders gut gefiel, strahlte er. Galant breitete er angenehme Zurückhaltung, aufmerksame Verschwiegenheit und eine leichte Scheu wie kleine Geschenke vor ihr auf den Tischen aus. Sein dezenter Charme und seine Großzügigkeit kannten keine Grenzen. An Johannas Glück teilzuhaben, das allein genügte ihm. Glück für sich allein war Ben fremd.

Abends in einer kleinen Bar in Soho lauschte Ben aufmerksam Johannas Geschichte. Künstlerin habe sie werden wollen, Restauratorin, eine kleine Werkstatt unten am Eck.

Später auf seinem Zimmer, als er für sich war, bediente er sich in der Minibar. Er trank nur, sofern er allein war. Er zog die Gardinen zurück und saß bis spät in die Nacht regungslos im Sessel vor dem Fenster mit Blick auf den Central Park. In der rechten Hand hielt er das Whiskyglas, nippte, trank ab und an einen großen Schluck.

Johanna spürte die Angst. In der Hotelbar: „Scotch.“ Sie wusste nicht, warum Ben schwieg. Sie saß rechts neben ihm, sah ihn von der Seite an und fragte sich nach dem Grund seiner Verschwiegenheit. Noch im selben Moment lachte Ben kurz auf: Ganz so als wäre nichts gewesen, als habe er sich soeben eines erfreulichen Ereignisses erinnert, das er Johanna unbedingt erzählen musste, wandte er seinen Kopf, stellte sein Glas ab und berichtete Johanna aus seiner Vergangenheit, die nicht seine war.

© Jens Hanisch 2021-01-30

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