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#stille#hamburg#glĂŒcksmomente

New York - Stille

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New York - Stille | story.one

Johanna lag im Central Park mitten auf einer Wiese in der Dunkelheit und blickte in den Sternenhimmel. Sie liebte die tiefe klare Nacht, erinnerte sich an die gemeinsamen NĂ€chte mit Martin an der SĂŒdkĂŒste Siziliens. Ob am Strand oder auf dem Balkon ihrer Pension, heute wie in jenen Tagen war sie sich seiner Liebe gewiss.

„In Hamburg“, erklĂ€rte Anna Jan, „suchst du vergebens nach einem klaren Sternenhimmel.“ Sie saßen nach einer durchzechten Nacht auf einer Bank am Geesthang oberhalb der St. Pauli LandungsbrĂŒcken und blickten auf den Hafen. „Die Lichter der Stadt leuchten zu hell. Ganz wie die Menschen. Der Alltag deckt all ihre TrĂ€ume zu. In ihrer Betriebsamkeit gönnen sie sich kaum eine Pause zum Verschnaufen.“

Johanna sah Anna deutlich vor sich im CafĂ© Kommunal, kurz nachdem sie von einer Ausgrabung aus RumĂ€nien zurĂŒckgekehrt war. Gesicht und Arme waren braungebrannt. GefĂŒhlt hatte sie dort im Donautal nahe dem Schwarzen Meer unzĂ€hlige NĂ€chte unter dem freien Himmel verbracht. Anna erzĂ€hlte von den gemeinsamen Abenden rund um das Lagerfeuer, der Ruhe dort in der Wildnis, ihrem GlĂŒck. Über ein halbes Jahr lang habe sie in einem Zelt geschlafen, manchmal auch zu zweit. Sie lĂ€chelte.

Im Herzen Manhattans in den Sternenhimmel zu blicken, damit erfĂŒllte sich fĂŒr Johanna ein Kindheitstraum. Nicht zum ersten Mal. Vor einigen Jahren hatte sie bereits nach dem Besuch des Metropolitan Museum of Art auf dieser Wiese gelegen, mit Ben Hot Dogs gegessen und Kaffee aus Pappbechern getrunken. Einer meiner glĂŒcklichsten Momente, erinnerte sie sich.

„Stille“, rezitierte Johanna, „ein Luxus.“ Leo hatte die Zeilen im GĂ€stebuch des CafĂ© Kommunal hinterlassen:

Stille. Innehalten. UnabhĂ€ngigkeit und Aufmerksamkeit. Die Welt fĂŒr einen Moment aussperren. Die Stille in sich zu finden. Stille: ein Luxus.

Mein Blick in den Sternenhimmel ruft mich in die Welt zurĂŒck. Mein Verlieren in der Unendlichkeit weckt die Erinnerung. Das Weltatem wehende All gemahnt mich meiner Endlichkeit.

Meine Sterblichkeit vor Augen werde ich mir meiner Einzigartigkeit gewahr, rufe ich mir ins Bewusstsein zurĂŒck, dem Leben mit Dankbarkeit zu begegnen, ermahne ich mich zu Bescheidenheit und Demut.

Allgemein anerkannte, althergebrachte unerschĂŒtterliche GrundsĂ€tze in Frage zu stellen, geschieht in Stille. Stille denkt die Welt neu.

Stille ist nicht Nichts. Stille weckt das Staunen, die Bewunderung fĂŒr das, das da ist. Die brachliegende Weite ist Herberge des Sehnens, die Welt neu zu denken.

© Jens Hanisch 2021-02-06

Stille

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