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#mut#journalismus#gegendieangst

Mantelkragennacht

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Mantelkragennacht | story.one

Die Nacht, in der Heinrich ein Leben gewinnt und eines verliert, ist eine sehr deutsche Nacht. Stramm, unterkühlt, eine Mantelkragennacht. In der Dämmerung packt er seinen Koffer. Ein kleines, schäbiges Ding. Viel passt nicht hinein. Hemden. Ein Anzug, nur für den Fall. Dann knallt er die Haustür, flieht die Straße hinunter. Weg von seinem strengen Vater. „Solange du hier wohnst“, hat der gebrüllt, „sollst du gehorchen“.„Dann muss ich eben gehen“, was hätte Heinrich auch sagen sollen? Heinrich ist 18, als seine Familie ihn nicht mehr haben will.

“Du solltest ein Buch schreiben”, werde ich Heinrich später sagen, als wir telefonieren, damit er mir seine Geschichte anvertraut . Ist mein Job. Andere leben, ich berichte. Ein Beifahrerdasein. Traurig, wenn ich so darüber nachdenke. “Du solltest ein Buch schreiben. Eins über Flucht und Angst. Ist nicht jedes Buch irgendwie über Angst?", werde ich zu Heinrich sagen. Und mir dabei sehr schlau vorkommen. So schlau wie nur ein Beifahrer sein kann. Beifahrerschläue ist die scheinheiligste von allen. Heinrich wird lachen, sehr heiser, wie er immer lacht, auch, wenn er gerade kein Buch erzählen will, vor allem nicht nachts um halb drei. “Meine Geschichte”, wird er sagen, “ist das Gegenteil von Angst”. Ich werde nicken. Mut ist ein viel zu enges Wort für das Gegenteil von etwas so Großem, finde ich.

Heinrich ist sehr groß. Zwei Meter über Angst, denke ich. Damals trampt er von der Wohnung seines Vaters bis an die See, heuert auf einem Kohlefrachter an, bis nach New York. New York grüßt ihn, wie es jeden grüßt. In New York krümmen sich die Straßen nicht wie Falten auf der Stirn eines deutschen Mannes. Dort krümmen sich die Straßen wie Peter-Pan-Lächeln. Es riecht nach Rauch, Bier, Schweiß. Der schönste Gestank der Welt. Heinrich trägt Anzug, sein Koffer schlägt gegen sein Bein. Wenn er sich anstrengt, liegt hier jedes Fenster einhundert Leben über der Angst. Endlich.

“Wie war das?”, will ich wissen. “Nach dieser langen Reise anzukommen?” Heinrich lacht. “Diese Stadt”, wispert er, leckt dabei jede Silbe weich, “ist meine verdammte Heimat. Was musst du da fragen? Heimat, das ist der Ort, an dem es endlich keine Angst mehr gibt. Sowas suchen wir doch alle, oder?", fügt er an.

Viele Jahre werde ich nicht begreifen, was Heinrich bei unserem Telefonat gemeint hat. Bis ich selbst dort bin. An meinem ersten Abend am Hudson. Diese laute Stadt ist so still, dass ich meine Angst eigentlich über ihr Schweigen hören müsste. Doch alles, was ich erlausche, ist Schnee, der mir den Hals küsst. Ich schlage meinen Mantelkragen hoch. Und als ich an Heinrich denke und an Furcht und Falten und Nimmerland, finde ich mein Gegenteil von Angst. Einfach so. Ich könnte fast sagen: Heimat.

© Joanne M. Delany 2021-04-07

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