skip to main content

#lastchristmas#freundundhelfer

Hoffentlich…

  • 293
Hoffentlich… | story.one

Seit mittlerweilen 25 Jahren sorge ich im Auftrag der Steuerzahler für den Weihnachtsfrieden und habe schon so manchen 24. Dezember im Dienst verbracht. Ich gebe euch jetzt die einmalige Möglichkeit mich bei einem Weihnachtsdienst zu begleiten und ernenne euch hiermit zu meinen virtuellen Streifenpartnern.

Am Vormittag füllen wir die Milchvorräte für die Feiertagkaffees auf. Im Supermarkt herrscht hektische Betriebsamkeit. Vor uns in der Kassenschlange steht die bemühte Hausfrau. Im Geiste geht sie nochmal ihre Einkaufsliste durch. Dieses Jahr soll das Festmahl perfekt sein, damit ihr pedantischer Ehemann, der ständig an ihr rumnörgelt, endlich einmal seine Klappe hält.

Zu Mittag holen wir uns, passend zu den heiligen Feiertagen, eine Pizza Diavolo. In der Pizzeria treffen wir den geschiedenen Vater. Er erzählt uns, dass er heute Abend bei seiner Ex-Frau und ihrem neuen Mann zum Essen eingeladen ist. Er setzt sich dieser Demütigung nur aus, weil es der innigste Wunsch seines kleinen Sohnes ist.

Am Nachmittag machen wir eine Fußstreife durch den Ort. Die Wirtin schließt die Pforten und die letzten Gäste verlassen unsicheren Schrittes das Wirtshaus. Es sind der ewige Junggeselle, dessen betagte Mutter vor drei Monaten überraschend verstorben ist und der zornige Junge, dessen Eltern nach Ablauf des Betretungsverbotes wieder einmal zueinander gefunden haben. Das ganze Dorf weiß, dass das Familienglück nur von kurzer Dauer und der einzige Trost des zornigen Jungen sein schwarzer BMW ist, in den er jeden Cent steckt.

Am Abend treffen sich der Großteil der Dorfbewohner bei der Messe und im Anschluss wünscht man sich gegenseitig ein frohes Fest. Und so geht jeder seines Weges und hofft, dass dieser Wunsch auch in Erfüllung geht.

In der Nacht drehen wir eine letzte Runde. Die Straßen sind wie ausgestorben. Viele Häuser sind hell erleuchtet und die Menschen feiern ein friedliches Weihnachtsfest im Kreise ihrer Lieben. Dem Funkgerät haben wir für die Nacht ein Schweigegelübde auferlegt und es hat sich in den vergangenen Jahren auch meistens daran gehalten.

Hoffentlich macht die Stille Nacht dieses Jahr ihrem Namen alle Ehre.

Hoffentlich kippt die bemühte Hausfrau dem pedantischen Ehemann nicht die heiße Bratensoße über den Kopf, weil er sie wieder vor der versammelten Familie heruntergeputzt hat.

Hoffentlich schläft der ewige Junggeselle nicht vor dem brennenden Christbaum ein, weil seine Mutter, die die Kerzen immer gelöscht hat, nicht mehr da ist.

Hoffentlich fährt der zornige Junge nicht in den Straßengraben, weil er das geheuchelte Familienglück nicht mehr ausgehalten hat und mit dem BMW davongerast ist.

Hoffentlich holt der geschiedene Vater nicht den Strick aus der Werkstatt, weil ihm sein kleiner Sohn offenbart hat, dass er den neuen Papa viel lieber mag.

Hoffentlich stehen wie jedes Jahr alle vor einem Christbaum und singen: “Stille Nacht, heilige Nacht. Alles schläft, einsam wacht…”

© Johann Köppel 2020-12-05

Last CHRISTMASCopstories

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.