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#mutmacher

Sandler, Giftler, Punker und Mensch

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Sandler, Giftler, Punker und Mensch | story.one

In meiner Jugend wurde Wien nicht in 23 Bezirke, sondern in gefühlte 50 Shades of Crime unterteilt. Am Gürtel stehen die Huren und Stricher, deren Strizzi und Zuhälter im Prater regieren. Auf dem Mexikoplatz verkaufen die Schmuggler und Schwarzhändler Diebesgut, dass die Taschlziaga auf dem Stephansplatz gfladert haben. Am Karlsplatz süchteln die Giftler den Stoff, den sie vom U-Bahn Dealer ihres Vertrauens gecheckt haben. In den Parks, verteilt über die ganze Stadt, schlafen die Drangler ihren Rausch aus. Wir wurden eindringlich vor den Gefahren der großen Stadt gewarnt und hielten uns weitestgehend von ihr fern.

Im Laufe der Jahre stellte ich fest, dass die Beschreibung doch etwas übertrieben war. Mittlerweile hat sich Wien zur nachweislich lebenswertesten Stadt der Welt gewandelt. So begab ich mich mit meiner Frau an einem Sonntag im Oktober um 14:00 Uhr auf den Karlsplatz, dem langjährigen Synonym für die Drogenszene Wiens. Meine Frau war wieder mal in meinen Plan nicht eingeweiht und einigermaßen überrascht, als ich auf den etwas nachlässigen gekleideten Mann mit dem giftgrünen Haarschopf zusteuerte. Bei dem Mann handelte es sich um unseren Guide Martin von den SUPERTRAMPS und er würde uns “sein Wien" zeigen. Vor Beginn der Tour habe ich Martin gleich verblüfft, da ich aufgrund seines Akzentes erkannte aus welchem Dorf in Österreich er stammt.

“Peter Punk im Wiener Nimmerland” ist der Titel seiner Stadtführung durch ein Wien der Obdachlosigkeit, der Drogen und der Hausbesetzungen. Er zeigt uns “Sehenswürdigkeiten”, die man sonst übersieht oder nicht beachtet. Die eigentliche Attraktion der Tour ist eigentlich er selbst. Er ist kein Künstler im herkömmlichen Sinne, seine Kunst ist das Überleben in einer Großstadt ohne Geld, ohne Dach über dem Kopf und abhängig von Drogen. Schonungslos erzählt er aus seinem Leben. Keine noch so persönliche Frage ließ er unbeantwortet. Aufgewachsen in einer zerrütteten Familie, früher Kontakt zu Drogen und Alkohol, mit 16 ins Jugendheim und danach ungebremst in die Obdachlosigkeit, die Drogensucht und die Punk-Szene. Zu leuchten beginnen seine Augen, wenn er von der Punkbewegung und seiner Rolle bei der legendären Hausbesetzung rund um die Pizzeria Anarchia erzählt.

Aber warum sollte man sich von einer gescheiterten Existenz die Schauplätze seines verpfuschten Lebens zeigen lassen? Ganz einfach um seinen inneren Kompass wieder einzurichten. Um hinter dem Sandler, dem Giftler und dem Betrunkenen wieder den Menschen zu sehen, den sein Schicksal aus der Bahn geworfen hat. Nur weil uns das Leben bessere Karten zugeteilt hat, sollte man Menschen nicht verurteilen, bevor man ihre Geschichte kennt. Ein solcher Mensch ist auch Martin, den man normalerweise keines zweiten Blickes würdigt. Derzeit hat er sein Leben und seine Sucht unter Kontrolle und ich hoffe, dass es in Zukunft so bleibt.

Update: Martin bietet seine Tour jetzt unter www.wienernimmerland.at an

© Johann Köppel 2020-11-27

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