skip to main content

#weihnachten#harfe

Die Harfenspielerin in Wien

  • 171
Die Harfenspielerin in Wien | story.one

Vorweihnachtliches Wien. Ich flaniere durch die Gassen, gehe mit einer lieben Bekannten die Wollzeile entlang. Manche Auslage lĂ€sst uns innehalten. Ein Schaufenster ist besonders liebevoll und detailreich gestaltet. Da hĂ€ngen originelle Kinderkleider an der Wand, davor ein langgestrecktes Tischlein, mit reich gedeckter Tafel. Rundherum haben herzige Stoffpuppen und Kuscheltiere Platz genommen, die Kinderherzen höher schlagen lassen und auch Junggebliebene berĂŒhren. In der rechten Ecke leuchtet ein festlich geschmĂŒckter Christbaum.

Wir gehen weiter Richtung Stephansdom. Auf der linken Seite der Wollzeile fÀllt uns ein neues GeschÀftsportal auf. Es ist noch nicht zu erkennen, wer dort einziehen wird.

Wir bleiben stehen. Obwohl wir beide diese Gasse recht gut kennen rĂ€tseln wir: Was war frĂŒher an dieser Stelle? Wir finden keine Antwort. Ich erinnere mich dunkel, dass dort frĂŒher eine Wirtschaftsbuchhandlung war - aber das war eine GeschĂ€ftsgeneration davor.

Gegen Ende der Wollzeile gibt es eine Teehandlung mit exquisiten, aromatischen Teesorten. Dort befinden sich zwei DurchgĂ€nge, die direkt zum Stephansplatz fĂŒhren.

Wir nĂ€hern uns dem ersten Durchgang. Ein TorflĂŒgel ist geöffnet. Der zweite TorflĂŒgel ist geschlossen und bildet eine windgeschĂŒtzte Nische. Von dort dringen zarte HarfenklĂ€nge an mein Ohr. Ich sehe eine Frau mittleren Alters. Sie sitzt auf einem Sessel und spielt auf ihrem Instrument.

Ich gebe ihr eine kleine Musikspende. Meine Begleiterin jedoch tritt nĂ€her. Die KĂŒnstlerin hat vier eigene CDs ausgestellt. Um die Auswahl zu erleichtern, spielt sie kleine AuszĂŒge aus dem jeweiligen TontrĂ€ger. Meine Bekannte entscheidet sich nach lĂ€ngerem Gustieren fĂŒr Musik mit irischem Klang. Die Harfenspielerin nimmt freudig einen Geldschein entgegen, der ihre Tageslosung fĂŒr heute aufbessert.

WĂ€hrend wir bei der Musikerin verweilen, bleibt links hinter uns ein Ă€lterer Herr stehen. Auch er lauscht den zarten KlĂ€ngen und ist berĂŒhrt. Ich drehe mich leicht zu ihm, erkenne ihn. Es ist ein bekannter Schauspieler, der in der Josefstadt gespielt hat. Ich werde die Szene im Torbogen nie vergessen: Eine Harfenspielerin mit ihrer feinsinnigen Musik, der aufmerksam zuhörende Mime, meine Begleiterin und ich, weihnachtlich gestimmt. FĂŒr Momente wie diesen liebe ich Wien.

Foto Sergio Capuzzimati / Unsplash

© Karl Ebinger 2020-12-11

wiennurdualleinmenschenliebeKleine Dinge groß beschreiben

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich ĂŒber Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.