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#täuschung#frust#plan

Es ist ja nicht so schlimm

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Noch nie in meinem Leben war ich dem Ziel so nah, wie grade eben. Ich bräuchte eigentlich nur drei oder vier Milliarden Menschen, die an einer Großdemo teilnehmen wollen. Das kann doch kein Problem sein. Und ich brauche noch ca 200 Aktivisten, die die besagte Großdemonstration organisieren. Das ist schon etwas schwieriger, aber nicht unmöglich. Mit all diesen Menschen könnte ich jedenfalls die Welt zum Guten verändern, den Plan gibt es ja schon (Der große Tag). Wie oft bin ich einfach dagesessen und habe mir von ganzem Herzen gewünscht, dass sich etwas ändert. Stundenlang, Tagelang. Wochen später wieder. Immer und immer wieder. Ich habe es mir ganz fest gewünscht und ich habe mich dabei auf den Spruch verlassen, dass der Glaube Berge versetzen kann. Und ich habe geglaubt, so sehr, wie man nur glauben kann. Und ich beruhigte mich auch damit, dass es die Hoffnung ist, die zuletzt stirbt. Wiewohl, beruhigend war der Spruch in Wahrheit nicht, denn ich fragte mich, was denn dann vor der Hoffnung stirbt. Aber so sehr ich auch glaubte und hoffte, der Berg bewegte sich keinen Millimeter vom Fleck. Im Gegenteil, er blieb, wo er war und wurde immer größer. So, als wollte er mich verhöhnen. Vielleicht, dachte ich mir, vielleicht bin ich nur falsch gepolt, zu ungeduldig, oder zu eifrig. Vielleicht, dachte ich mir, sollte ich den Berg gar nicht versetzen und vielleicht ist es gar nicht richtig, wenn ich mit einem fertigen Plan in den Lauf der Dinge einbringen möchte. Wer bin ich denn, dass ich mir so etwas anmassen möchte? Vielleicht sehe ich all das, was sich um mich herum ereignet, nur zu negativ und vielleicht ist alles nicht so schlimm. Und während ich so vor mich hin sinnierte, stellte ich fest, es geht mir ja wirklich gut. Besser noch, es geht mir sogar sehr gut. Auf meinem Grundstück gibt es keinen Müll, Gletscher habe ich nicht, die mir davonschmelzen könnten, die Luft ist ok, das Trinkwasser aus der dörflichen Versorgungsanlage ist von bester Qualität, die Klimakrise zeigt sich in meiner Region gemäßigt, mein Sohn ist nicht von Kinderarbeit bedroht, meine Frau ist emanzipiert und findet sich auch ohne Gendern im Alltag zurecht, in unserem Obst- und Gemüsegarten herrscht noch Artenvielfalt und Monsanto ist ein Fremdwort, die Bauern in meiner Umgebung betreiben keine Massentierhaltung, der saubere Strom kommt aus der Steckdose, meine Familie ist finanziell abgesichert, und das bisschen Plastik, das bei uns anfällt, ist nicht der Rede wert. Also, es ist alles halb so schlimm.

© Karlheinz Stöflin 2021-06-11

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