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Süße Rache

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Süße Rache | story.one

Ich hatte ihn auf einer Dating-Plattform kennen gelernt. Wir schrieben her, wir schrieben hin, wir chatteten bis spät in die Nacht, es war aufregend, es war prickelnd, es war besonders. -Ich wollte keine Fotos sehen, keine Fotos verschicken,- er sollte für mich der große Unbekannte bleiben, den ich nur zwischen und in seinen Zeilen erfühlen und erahnen wollte. Und das gelang. Es wurde immer erotischer, immer frivoler, ich fieberte diesen Chats entgegen, verbrachte halbe Nächte vor dem Computer.

Dann gab es das erste Telefonat. Sein Tiroler Akzent zog mich noch mehr in seinen Bann, als die Mails und Chats. Diese kehlig-guturalen Gurgellaute, dieses fast unverständliche Dialektkonglomorat zog mir vor Begeisterung fast den Boden unter den Füßen weg.

Nach drei Monaten verabredeten wir unser erstes Treffen im Wiener Palmenhaus. Es sollte kein Erkennungszeichen geben, außer der magischen Faszination, die uns beide gegenseitig anzog. Ich war überzeugt davon, wir würden einander erkennen…. Und so saß ich auf einem lauschigen Bänkchen unter Palmen und blickte um mich, beobachtete die Touristen, die über die Wegelchen schlenderten und mein Herz pochte und tobte vor Erwartung und Aufregung.

Und dann erblickte ich IHN. Ein Prinz von einem Mann, mein Traumprinz, der zielstrebig auf mich zu kam und mich in die Arme nahm. Er küsste mich zur Begrüßung und ich vergaß die Welt um mich, löste mich auf in diesem wunderbaren Kuss, dieser Umarmung.

Die „Chemie“ stimmte auf Anhieb. Wir verbrachten einen traumhaften Tag zusammen mit vielen Gesprächen, viel Lachen und viel Zärtlichkeit. Irgendwie waren wir beide im 7.Himmel.

ER verheiratet in Tirol und ich liiert in Wien. Unsere Schreib- und Rendevous-Beziehung dauerte einige Monate. Dann begann sie zu bröckeln. Ich wäre ihm zu fordernd, zu anhänglich, zu emotional, zu …… -er beendete die Affäre, schrieb nicht mehr. –Ende.

Nach einigen Wochen entdeckte ich ihn wieder,- diesmal in einer anderen Plattform. Ich schrieb ihn an. Nicht als „ICH“,- nein, als kühle Eventmanagerin, die wenig Zeit hatte, viel reiste, nur ein Abenteuer suchte. Und er biss an, mein Tiroler Traumprinz. Ich ließ ihn zappeln, beantwortete tagelang seine Mails nicht, verwirrte ihn mit distanzierter Kühle, gepaart mit erotischer Anziehung. –Bis er schließlich auf ein Treffen drängte. Da ich ja –ach so wenig Zeit hatte-, ließ ich ihn eine Weile schmoren, bis ich ein Treffen in einem Szenelokal im Bermuda-Dreieck vorschlug.Als Erkennungszeichen wollte ich ein rotes Band ums Handgelenk tragen…

Und dann kam der „große Abend“. Nie habe ich ein verdutzteres Gesicht gesehen, als damals, als ich das Lokal betrat (-natürlich 15Minuten zu spät) und auf ihn zuging. –Er war fassungslos. Nie in seinem Leben sei er so „verarscht“ worden und er könne es gar nicht fassen, so auf dieses Theater hereingefallen zu sein…

Ich kostete meine Genugtuung und meinen Sieg diesen Abend noch aus,- und dann haben wir einander nie wieder gesehen.

© Katalin Darthe 2021-10-17

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