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Klang der Vergangenheit

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Klang der Vergangenheit | story.one

Der blaue Koffer steht allein in seiner Ecke. Eine dünne Schicht Staub bedeckt das abgenutzte Äußere des Schutzes. Vorsichtig streichen die Finger über die raue Oberfläche, entfernen die Spuren der Einsamkeit, der Nachlässigkeit. Sie folgen den sanften Kurven des Koffers, ertasten jede Unebenheit, jedes Merkmal von Abnutzung und Gebrauch.

Behutsam öffne ich die erste Schnalle, die ganz oben. Dann die anderen. Der Deckel klappt auf. Es sieht noch so aus wie früher. Der alte Koffer hat seinen Inhalt geschützt, vor dem Staub und der Nachlässigkeit. Die Seiten sind stramm gespannt. Die Finger tasten über das abgenutzte Griffbrett, berühren die Seiten. Fahren bis zum Steg und hinauf zu den dicken, dunklen Wirbeln.

Ich nehme es heraus. Es ist leichter, als ich es Erinnerung habe. Eine Seite klingt leise. Die rechte Hand greift zum Bogen. Das Instrument lehnt in der Armbeuge, während ich sie spanne. Im Kasten liegt noch ein abgenutztes Harz. An einer Ecke gebrochen. Wie rücksichtslos man doch mit so vielen Dingen des Lebens umgeht. Die Dose quietscht leise, als ich sie wieder schließe. Ich sinke auf den alten Holzstuhl, der neben mir steht. Stelle den Stachel ein. Der Bogen fährt leicht zitternd über die Seiten. Ein warmer Ton hallt durch das Zimmer. Ein Lächeln, ein ganz kleines. Dieser warme Ton. Vom D zum G. Die Quinte ähnelt einem Tritonus.

Die Jahre der Abwesenheit haben sich bemerkbar gemacht. Automatisch beginne ich zu stimmen, drehe an den Wirbeln, verfeinere die Intervalle. Von 442 Hz vermutlich weit entfernt, dafür stimmig. Manche Dinge verlernt man nicht. So wie Radfahren. Die Übung fehlt. Die Fingerspitzen beginnen zu brennen. Aber ich mache weiter. So weit bin ich schon gekommen. Jetzt kann ich nicht aufgeben.

Die Töne werden sicherer, der Klang klar. Bewegungsabläufe kommen zurück. Meine Finger erinnern sich an schwierige Passagen, die viel geübt wurden. Ich schließe die Augen, konzentriere mich nur auf das Instrument vor mir. Auf den bekannten Klang im Ohr, das vertraute Gefühl in den Fingerspitzen. Auf die Musik.

Die Zeit verstreicht. Doch ich merke nichts. Wir sind allein. Ich und mein Cello. Wir waren Freunde, damals. Haben uns oft getroffen. Nur wir beide. Ich war es, die gegangen ist. Die diesen Freund einfach zurückgelassen hat. Ohne Rücksicht. Und darf zurückkehren in die warme Umarmung der sanften Töne. Nach all der Zeit.

Eine Träne löst sich aus meinen geschlossenen Augenlidern, während ich mich verliere, im Klang der Vergangenheit.

© Katharina Eder 2021-07-22

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