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#mut#angst#wasser

Kampf ums Überleben

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Kampf ums Überleben | story.one

Während ich hüfttief etwa 20 m flussabwärts im Wasser stehe und die erfrischende Kühle genieße, beobachte ich das Schauspiel. Die Kinder haben schon den ganzen Tag Spaß auf diesem Floß. Mit einem Seil auf beiden Seiten des Ufers befestigt, kann es im Wasser beliebig hin und her gezogen werden. Für die Kids ist es der Endgegner in einem spannenden Spiel: es muss versenkt werden!

Immer wieder laufen sie von einer Seite des Floßes auf die andere. Das Geländer dient als Kraftverstärker: draufklettern, nach außen lehnen, wild hin und her schaukeln. Plötzlich ist das Ziel erreicht - es kippt! 10 Kinder kreischen, während sich das Floß beinahe in Zeitlupe auf den Kopf stellt. Die Wassertiefe reicht, um die 180 Grad-Drehung zu ermöglichen. Die Kids stürzen ins kühle Nass und eines nach dem anderen taucht kurz darauf lachend wieder auf. Alle - bis auf eines.

Das Geländer liegt am Boden auf, das Floß scheint fest am Grund verankert zu sein, es schwimmt nicht mehr. Wo ist mein Sohn?! Sekunden zuvor hab ich ihn noch lachen gehört. Ich werde nervös. Die Strömung ist stark, es fällt mir schwer, vorwärts zu kommen. Laut rufe ich seinen Namen. Doch das Geräusch der Strömung verschluckt meine Worte. Einer der Männer, die neben dem Floß stehen, hebt das schwere Holzteil kurz an und im Wasser tauchen Schwimmflügerl auf. Ein kleines Mädchen war noch darunter gefangen - er hatte die orangen Farbklexe im Wasser gesehen. Ich rufe laut: "Da fehlt noch ein Kind! Mein Sohn ist nicht da!" Niemand reagiert.

Panik steigt auf - eine Mutter spürt, wenn irgendetwas nicht stimmt. Ich muss zu diesem Floß! Wieso dreht es niemand um?! Noch immer etwa 10 m entfernt brülle ich wieder und wieder: "Hebt das Floß an!"

Wie aus dem Nichts erscheint am Uferrand ein fremder Mann. Er beginnt zu laufen. Nein, er sprintet, wild mit den Händen fuchtelnd, zum Floß. "Da ist noch einer drunter!" schreit er so laut er kann. Er stürzt sich samt Kleidung mit einem Kopfsprung ins Wasser. Alles geht rasend schnell. Er erreicht das Gefährt, hebt es hoch und 2 Sekunden später sehe ich meinen Sohn.

Er schreit, laut, panisch. Gott, er schreit! Er ist bei Bewusstsein! Ich bin noch etwa 5 m von ihm entfernt, sehe seine angsterfüllten Augen. Dann bin ich endlich bei ihm. Ich umarme ihn und er krallt sich mit aller Kraft an mich, schreit und weint...und hört nicht mehr auf. Er ist bei Bewusstsein!

2 Minuten. Keine 2 m unter Wasser. Vom Geländer des schweren Floßes auf den Grund des Flusses gepresst. Er sah die Füße der Menschen um ihn herum, doch niemand hörte seine Rufe unter Wasser. Niemand sah seine Hände, die vergeblich versuchten an die Wasseroberfläche zu gelangen um zu winken. Niemand bemerkte ihn und als ihm das bewusst wurde, schloss er seine Augen - er gab auf.

Die Ärzte im Spital sagten uns später, dass er damit das Beste und Mutigste tat, das er in diesem Moment tun konnte. Indem er aufgab, wurde er ruhig. Sein Körper fuhr auf das Notwendigste runter - es blieb ihm mehr Luft. Indem er aufgab, überlebte er.

© Katharina Tröstl 2019-05-30

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