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Bonsai in Mecklenburg

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Bonsai in Mecklenburg | story.one

Die ersten Sonnenstrahlen nach wirklich kalten und schneereichen Tagen locken. Es treibt mich vor die Tür, über die Felder. Viele Wege wollen von mir beschritten werden.

Meine Schritte führen mich am Waldrand entlang. Schneereste liegen an schattigen Stellen. Links erstrecken sich Weideflächen. Mein Blick bleibt an einem Baum auf der Wiese hängen. Rings um ihn ist das Gras noch gelblich matt. Die Kuhfladen sind noch halb gefroren. Dieser Baum jedoch sieht aus als wäre er belaubt. Er wirkt wie einer der verkrüppelten, windgezausten Bäume, die auf den Tuschmalereien japanischer Sumi-e -Künstler zu sehen sind.

Es zieht mich magisch zu ihm hin. Ich will wissen, wer er ist. Wie kommt er zu Laub nach diesem Frost? Was lässt in mir diese Erinnerung an Japan aufsteigen?

Nun weiß ich es: ein Bonsai – ein Bonsai in Mecklenburg. Der Kenner weiß, dass der Baum dann eigentlich in einem Topf stünde. So wird sein Größenwuchs, vom Rückschnitt unabhängig, beschränkt. Dieser Baum steht mitten auf einer Kuhweide und wirkt doch genauso wie ein Bonsai, ein Baum im Topf.

Endlich kann ich ihn berühren. Dass er alt ist, verrät mir seine Rinde. Wie vielen Kühen hat er wohl Schatten gespendet? Ich betrachte die Zweiglein und Blätter. Sie scheinen zu ihm zu gehören und doch stimmt etwas nicht. Sie sind weich, oval und etwas kraftlos. Misteln haben also sich auf ihm angesiedelt! Ansatzlos sprießen die Mistelzweiglein aus dem Holz des Baumes. Es scheint, als wäre er dem Tod geweiht. Ist es ein Miteinander oder ein Gegeneinander?

Als Heilpflanze gilt die Mistel. Druiden sollen sie gesammelt haben. Gegen Krebs soll sie helfen. „Gleiches mit gleichem bekämpfen“, sagen Homöopathie und Anthroposophische Medizin. Ist die Mistel also wie ein Krebsgeschwür am Baum? Er wirkt nicht unglücklich. Er ist einfach alt und vielleicht ein wenig müde. So konnte die Mistel Fuß fassen. Was mag sie dem Baum bedeuten? Nimmt er sie als Teil von sich wahr?

Inzwischen ist klar, dass der Baum ein Rotdorn oder ein Weißdorn ist. Der Weißdorn ist für seine herzstärkende und blutgefäßfreundliche Wirkung bekannt. Ist er das Bild eines Herzens, das zerfressen wird? Ein Krebs am Herzgewebe beim Menschen ist sehr selten. Wie ist es bei einem Herzbaum?

Ich freue mich darauf, wenn er mir Genaueres im Frühling verrät, und glaube fest, dass er noch Jahre lebt.

© Kathrin Schink 2021-02-27

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