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#fremdewelten#reiseerinnerungen#leidenschaft

Chartres ist mehr

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Chartres ist mehr | story.one

Chartres – rund um die Kathedrale stehen sie: kleine Häuser für mich Großstadtkind. Der Anblick berührt mich seltsam. Es ist so als würden die Häuser Schutz suchen, sich anschmiegen, der gewaltigen Mutter zu Füßen liegen.

An diesem Tag habe ich genug von der übermächtigen beeindruckenden Heiligkeit. Ja, der Druck scheint gewaltig. Steinern grau, ein Quader auf dem anderen, wirkt sie mit ihren Satellitenbauten wie eine Festung, unnahbar und überwältigend. Immer noch kreisen meine Gedanken darum, dass diese gigantische Baustelle so urplötzlich von den Schaffenden verlassen wurde. Es wäre noch so viel zu tun gewesen, sieben Türme harrten der Vollendung. War das strebende Licht plötzlich ausgeblasen, erloschen?

In Begleitung streife ich durch die Gassen. Zahlreiche Fachwerkhäuschen geben sich hier ihr Stelldichein. Schmalbrüstig, mit spitzwinkligem Balkenwerk, erscheinen sie mir höher als sie sind. Viele Hölzer sind mit Schnitzwerk verziert. Ornamente, Fische, Kaufleute, Priester, Engel und andere Wesenheiten geben jedem Haus ein unverwechselbares Aussehen.

Auch die modernen Häuser sind ungewöhnlich. Ein Haus mit gelben Fassadenplatten hat es mir besonders angetan. Sein Treppenhaus ist als Zylinder außen angebracht. Es beherbergt eine Wendeltreppe und ist, obwohl außerhalb des Gebäudes, doch wundersam verwoben mit den Etagen. Schrägen und Schwünge betten es ein. Seltsame Durchbrüche dienen als Fenster.

Wir betreten kleine Läden, in denen Räucherwerk, Postkarten, Bücher über die Kathedrale und verschiedene Souvenirs angeboten werden. In einem Geschäft gibt es Pendel aus den unterschiedlichsten Materialien. Halbedelsteine, Bernstein, Holz und Metall hängt da an zarten Kettchen. Daneben Rosenkränze und Kreuze. Eines der Pendel erweckt mein Interesse. Es ist aus Messing in Tropfenform, sehr schlicht und doch fast unanständig gerundet. Es ist so ganz anders als das Pendel, das in meiner Tasche steckt, dieses klassische Handwerkermodell, kegelförmig und robust.

Ich ringe mit mir, schließlich habe ich schon ein Pendel. Ich schleiche regelrecht drum herum. Mein Begleiter ermutigt mich, mir selbst dieses Geschenk zu machen. Wir verlassen den Laden mit Räucherwaren und Postkarten, ohne Pendel. Erst am letzten Tag unseres Aufenthaltes sage ich „Ja“ und kaufe es.

Ernsthaft benutzt habe ich es zum Arbeiten nie. Stets ist es unterwegs. Mal liegt es auf dem Schreibtisch, dann in einer Schublade. Auf Reisen begleitet es mich zuverlässig, sozusagen in zweiter Reihe. Es ist meine Erinnerung an Chartres, ein Reisender zwischen den Welten.

© Kathrin Schink 2020-11-30

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