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#1sommer1buch#eigenartig#sprechendedinge

Eckbert

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Eckbert | story.one

Ich bin müde.

Die Uhr geht auf Mitternacht. In 17 Minuten ist Morgen.

Um diese Uhrzeit wollte ich im Bett liegen und schlafen und doch beschäftigt mich wieder etwas bis in die späte Nacht. Meine Augen huschen innerhalb des Lichtkegels, den meine Schreibtischlampe in die Dunkelheit des Zimmers setzt, von einem Gegenstand zum nächsten:

Ein handgeschmiedeter Nagel hält drei weitere und einen Engel aus Lapislazuli. Fünf Eisenringe hängen untereinander an einer Schraube. Im untersten Eisenring steckt eine Bündel Scharfgarbe. Das Schnitzmesser baumelt in einem Futteral an eben jenem. Die Balkenkonstruktion ist an dieser Stelle des Zimmers freigelegt und macht das Zimmer licht. Ein kleiner Mönch schaut betend auf mich herab.

Ich schaue Eckbert an. Vor vielen Jahren kam er zu mir. Dürr und heruntergekommen war er. Jemand hatte ihn auf dem Müllplatz abgestellt. Zuwendung brauchte er dringend. Umtopfen, Wärme und Wasser waren das Wichtigste. Der Versuch, ihm mit einer blühenden Pflanzendame eine Freude zu machen scheiterte später an ihrer Eifersucht. Eines Tages vermittelte sie ihm ein “Sieh doch zu, wie du ohne mich klarkommst!”, und verschied. Ich glaube heute noch, dass es an mangelnder Pflege nicht gelegen hat. Gesprochen habe ich viel mit ihm. Er ist wortlos geblieben, doch verstanden haben wir uns immer.

Heute lebt er in Gemeinschaft mit einem kleineren Drachenbaum, der sein Ableger ist, und einem prächtig blühenden Blattkaktus. Mit ihnen bildet er “Buddhas Bambushain” in meinem Zimmer.

“Wie geht es dir? Alles ok? Du bist ja gut durch die heiße Zeit gekommen, scheint mir. Was gibt es neues aus der Pflanzenwelt? Gab es Nachrichten aus der Heimat?“

“Danke für die Informationen. Klar gieß ich dich morgen. Jetzt geh ich schlafen. Gute Nacht. Halt die Blätter senkrecht.“

© Kathrin Schink 2020-08-26

eigenartig

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