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#traum#projektumsetzung

Erste Schritte

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Erste Schritte | story.one

„Tschä! denn sachte se nix mea, die Oma. Stille hat se neben mia jesessen. Als ick se fraren tu, wat se nischt sacht, meent se, ick soll leise sein, se tät rechnen.“ Der Olsche kaut auf der Schnurrbartspitze. „Na, kurz gesagt, haben wir nach Verhandlungen mit dem Verkäufer und der Bank das Seminarhaus gepachtet, um es dann zu kaufen. Die Gemeinschaft wuchs auf 7 Menschen und die Kunden des Seminarhauses reservierten wieder Zimmer.“

„Es war ein tolles Gelände mit See und Wald. Eine ehemalige Fabrikantenvilla stand darauf, die sehr stilvoll hergerichtet war. Fast ein ganzes arbeits- und ereignisreiches Jahr mit interessanten Gästen, seltsamen Besuchern und einem handfesten Sturm, der Bäume splitternd brach, lag im November 2017 hinter uns. Die Nachricht, dass der Verkäufer nicht mehr an uns verkaufen wollte, traf den Olschen schwer. Er hatte so fest damit gerechnet.“ Oma hatte eine Lücke im Redefluss des Olschen genutzt, um ihrerseits zu erzählen. „Wohin also mit 7 Menschen, von denen einer schwer krank war? Mitten im Winter? Innerhalb von anderthalb Monaten?“

Die Kinder lauschen gebannt. Einige beginnen unruhig zu tuscheln. „Dann musst du was anderes suchen!“, ruft eines. „Ja. Wir suchten. Beim Kauf von Häusern ist es wie in der Landwirtschaft. Nur wenn du den Boden herrichtest, säst, Pflanzen pflegst, Zeit zum Wachsen lässt, erntest du irgendwann. Ein Verein verkaufte das Vereinshaus im nahen Städtchen. Die hatten Ähnliches vor, nur waren dem Verein die Mitglieder ausgegangen. So begann das gesundbronnenDORF dort lebendig zu werden: Das Mehrgenerationenwohnen spielte sich im ersten Stock des Gebäudeensembles ab.“

„Wieso denn Ensemble? Wart ihr denn Schauspieler?“ ein Knabe ist plötzlich ganz aufmerksam, „Na ja, Lebenskünstler vielleicht!“, lacht der Olsche. „Ensemble heißt, dass Menschen oder auch Dinge zusammengehören. Hier waren zwei Häuser aneinandergebaut. Beide hatten sehr eigene Geschichten.“ Wieder zischt ein Flachwitz knapp über die Köpfe der Anwesenden: „Wie kommt eine Maus mit Lederschuhen und Blume im Haar aufs Pferd ohne jemals das Haus zu verlassen?“ Der Fragende amüsiert sich prächtig. Kopfkino überall: „Der Urahn lebte vor Generationen bei Schuhmacher Oya, die Uroma genoss den Duft im Blumenladen, der Vater fraß sich am Käse im Café satt und die Enkelin schwang sich auf den Porzellanhengst, der beim Olschen steht.“, Gelächter erschallt.

„Unser Plan wurde 2018 zunächst als eine Miniausgabe ausgeführt: eine Wohnetage und ein Wohnwürfel im Dachgeschoss, ein Café mit Bioladen, eine einzelne Praxis, ein Veranstaltungsraum. Hier gab es Lesungen, Vorträge und Bewegungskurse. Wir pachteten ein Stück Land, um Heilkräuter und Essen selbst anzubauen. Wenn ihr Eure Eltern oder Großeltern nach der Weihnachtslesung der Geschichte von Charles Dickens fragt, können sie sich bestimmt erinnern. Das war die Idee eines Schauspielerpaares.“ Oma lächelt versonnen: „Eine bewegte Zeit war das.“

© Kathrin Schink 2022-01-17

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