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#geschichte#großvater#treue

Großvater und die Lotte, mit offenem Ende

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Großvater und die Lotte, mit offenem Ende | story.one

Von meinen Großvätern weiß ich wenig. Ich weiß nur, was meine Großmütter, Tanten und meine Eltern mir erzählten.

Fleischer war der eine Großvater. Gemeinsam mit Bruder und Schwester führte er im damaligen Ostpreußen einen Familienbetrieb. Die Vorfahren waren im 17. Jahrhundert aus Östereich geflohen. Als Reformierte waren sie dort ungern gesehen.

Zwischen den Weltkriegen fuhr mein Großvater bis weit nach Russland hinein auf seinen Einkaufstouren mit Pferd und Wagen. Er kaufte, was in der Fleischerei verarbeitet wurde. Er begutachtete das Vieh, befand es für gut im Fleische oder für zu dürre. Gehandelt wurde, gefeilscht und am Ende hieß es „sto gramm“. Wieviel des siegelnden Wodkas am Ende in seinen Körper gelangte, ist nicht überliefert. Jedoch ist die Treue seines Pferdes Lotte legendär.

Lotte fuhr ihn hinaus in die Fremde, wartete geduldig vor jedem Haus und auf jedem Hof, den ihr Lenker anfuhr, und trabte dann heimwärts. War ein Sofortkauf zustande gekommen, war der Wagen schwerer als auf dem Hinweg. Manches Vieh wurde auch im Voraus versprochen. Dann blieb der Wagen leer. Der Lenker jedoch hatte oft so schwer geladen, dass Lotte den Weg nach Haus allein finden musste. Den Kopf auf die Brust gesunken saß er auf dem Kutschbock und schlief sich heimwärts. Viele Male waren sie geschäftlich unterwegs. Immer kamen sie wohlbehalten an.

Auf der Flucht gen Westen, um der sich nähernden Front und dem Kriegsgeschehen zu entkommen, zog Lotte die Familie ohne ihren vertrauten Herrn. Der kriegsversehrte Geselle saß auf dem Kutschbock, Oma Olschen mit den Frauen und Kindern abwechselnd hinten. Manche Strecke musste auch zu Fuß gegangen werden. Unter dem Stroh, im Wagenboden versteckt, lag so manche essbare Kostbarkeit mit Gewicht.

Bis zum Oderhaff führt die Überlieferung. Danach verliert sich die Kunde von Lotte. Als Kind vergaß ich, nach ihr zu fragen. Die Familie verschlug es ins Anhaltinische.

Nach Lotte gab es kein Pferd mehr. Es wurde keines mehr gebraucht. Der Familienbetrieb Fleischerei war Geschichte.

© Kathrin Schink 2020-05-31

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