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#warten#lernenfürsleben#integration

Integrale Celestino

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Integrale Celestino | story.one

Weit zu reisen braucht man nicht. Dieses Land hat schöne Ecken. Berge, Flüsschen, abgelegene Täler gibt es tatsächlich noch in der Mitte Deutschlands.

Wer sich dort im Juli trifft, hat gute Chancen auf geeignetes Wetter zum Wandern und Entspannen. Das Treffen einer größeren Gruppe von Menschen aus ganz Deutschland mit gleichen Interessenslagen war im fraglichen Sommer verbindungsstiftend und bereichern. Die Hinfahrt gestaltete sich abenteuerlich, dafür lag die Jugendherberge in schönster Natur. Bei den Berliner Gästen lief dies unter jwd – janz weit draußen.

Die Unterbringung in Mehrbettzimmern sorgte für reichlich Aufenthalt an der frischen Luft. Die Mahlzeiten wurden im Freien eingenommen. Sie suchte einen Schattenplatz, um ihr Mittagessen zu verzehren. Unter einem Baum war noch ein Plätzchen frei und sie nahm mit dem Gedanken: „Der ist harmlos, zu dem kannst du dich setzen.“, an seiner Seite Platz. Zurückhaltend war sie und ließ sich zunächst auf kein Gespräch ein.

Er drängte sich in keiner Weise auf, ging vorsichtig auf ihre Bedürfnisse ein. Im Verlauf der Veranstaltungen gab es weiter Begegnungen und Gespräche. Heute weiß sie aus seiner Erzählung, dass er auf Zeit setzte und dass sie erotisch auf ihn wirkte. In der Unterkunft gab es einen gemütlichen Raum. Kuscheln und Zweisamkeit waren hier möglich. Hatte sie unter dem Baum sitzend doch mehr Signale gesendet, als ihr bewusst war?

Drei Wochen später klingelte unverhofft das Telefon. Die Durchreise zu einem dienstlichen Aufenthalt im Ausland war Anlass für einen Kurzbesuch. Seine Unterkunft lag ganz in der Nähe ihrer Wohnung. Drei Monate später war er für eine Konferenz in der Stadt. Beruflich hat er mit Teilen zu tun und auch privat geht vieles nur zum Teil.

Die Beziehung entwickelte sich. Gemeinsame Zeiten gingen nun meist über mehrere Tage, an denen er der Arbeit wegen in der Stadt war. Eigenheiten des jeweils anderen wurden über die Zeit offenbar. Sie ist ein Morgenmensch, er arbeitet bis spät. Dafür ist er der Mann, der sie abends ins Bett bringt, um danach noch ein wenig zu arbeiten. Während morgens schon ihr Redestrom einsetzt und bis zum Abend nicht abreißt, hat er Mühe, passende Worte zu finden und zuviele Geräusche auszuhalten.

Er stürzte sich parallel in weitere Beziehungen. Dies gab er bekannt. Sie unterhielt die ihren. Polyamorie zu leben ist Teil seines Konzeptes, das er „Potenziale leben“ nennt. Für sie ist das die Möglichkeit, in Teilzeit in Beziehung zu sein, ohne sich nur einem zu verpflichten, zu lernen und zu erfahren, in der Hoffnung, der Richtige möge sie noch finden.

Treffen kommen und gehen. Wirklich eindrücklich bleibt nichts. Am Ende ist es einfach zu Ende. Vielleicht - vielleicht später. Ganz oder zum Teil.

© Kathrin Schink 2021-03-09

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