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#fremdewelten#riese#japan

Japan treppauf treppab

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Japan treppauf treppab | story.one

Japan ist mir als „Land der Treppen“ in Erinnerung geblieben. Dies hat allerdings kaum etwas mit Treppen zu tun, die innerhalb von Häusern verlaufen. Sofern es sich um traditionell errichtete Häuser handelt, gibt es nach meiner Beobachtung innen eher Leitern und Stiegen. Vorausgesetzt, sie haben mehr als ein Geschoss. Sind es moderne Bauten, sind sie so, wie wir es gewohnt sind.

Unzählige Bilder habe ich von Treppen aufgenommen, die die Menschen errichtet haben, um Höhenunterschiede des Geländes auszugleichen. In den touristisch erschlossenen Gebieten der Berge liegen Rundhölzer quer zur Laufrichtung. Mit Langhölzern, die in den Boden getrieben wurden, sind sie festgekeilt und mit Sand und Kies aufgefüllt. Ein hoher logistischer und wohl auch finanzieller Aufwand in einer kargen Gegend, wo es keine Bäume und kaum Sträucher gibt. Und doch hat es sich wohl gelohnt. Sie sind dort den Wanderern Abkürzung, wo sich die geschotterte Piste in langgezogenen Kurven den Berg hinaufwindet, damit Maultiere und Pferdchen die Besucher den Berg hinauftragen können.

In den Städten gibt es die heimlichen Treppchen, die um Winkel führen und manchmal überraschend vor den Türen eines Love-Hotels enden. Verspielt sehen sie aus, die Treppchen und das Ziel. Den Erzählungen unseres kundigen Begleiters nach, gibt es hier alles, was Paare als gemütlich und anregend empfinden. Sogar ein Autokino soll nachgestellt worden sein. Ein alter Ami-Schlitten ist in einem Raum, dessen Wände passend gestaltet sind, mit Blick auf die Leinwand aufgestellt. Mit Prostitution hat das nichts zu tun. In diesem Land ist es jungen Leuten oft nicht möglich, das Elternhaus zu verlassen, weil eine eigene Wohnung unbezahlbar ist. Bei papierdünnen Wänden fehlt ihnen die Intimität, Raum und Abgeschiedenheit für gemeinsames Erleben. So sind die Love-Hotels häufig die einzige Lösung: von romantisch bis sachlich, von spießig bis luxuriös.

Beeindruckend sind die Treppen zu manchen Tempelanlagen. Die großen Blöcke sind ausgetreten und blitzeblank. Manche enden an einem Tori, einem Tor. Manche beginnen dort. Durch ein rot gestrichenes Tori betritt der Besucher heiliges Land. Meist verlässt er es durch ein solches. An den Küsten Japans fällt manches Tori nur bei Ebbe trocken. Wo massive Steintreppen dem Menschen beim Auf und Ab helfen, wartet auf den Aufgestiegenen oft ein steinernes Tori.

Im ländlichen Raum gliedern die Reisfelder die Ebenen. Sobald die Reisfelder die Ebenen verlassen, werden sie zu riesigen Treppenstufen, die den Berghang hinauf führen. Bambus, dieses gigantische Gras wiegt sich im Wind. Ich sehe, wie es den Riesen an den Füßen kitzelt, als er gemütlich den Berg hinauf steigt, Stufe für Stufe. Jeder Schritt lässt die Insel erbeben. Vor seiner Hütte am Berghang setzt er sich nieder und schaut auf das bunte Gewimmel der winzigen Lebewesen, die Krümel aufeinander stapeln, Hölzchen durch die Landschaft tragen und in Löchlein verschwinden.

© Kathrin Schink 2020-12-18

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