skip to main content

#trauer#tränen#liebesgedicht

Liebesgedicht

  • 115
Liebesgedicht | story.one

Ein Gedicht hat er geschrieben. Sie verstand es als Liebesgedicht. „Mein Liebesgedicht“ war fortan sein Name, wenn sie über ihn sprach.

Das erste Mal war hier ein Mann in Sicht, der ihren Wünschen nahezukommen schien. Mit „intelligent, gebildet, gepflegt und zurückhaltend“ beschrieb sie ihn und bekam leuchtende Augen. Ihre Sätze begannen meist mit: „Mein Gefühl sagt mir, …“

Das erste Mal begegneten sich beide auf einem Treffen für High-Potentials. Sie war die Blume im roten Kleid zwischen grauen Mäuserichen. Vor Ort war sie in Organisation und Teilnahme eingebunden. Monate später entdeckte sie sein Gedicht im Anhang einer Email. In diesem Moment wurde für sie aus einem Mann im beruflichen Umfeld der Mann des Interesses, ein fühlender und liebevoller. Es gab Korrespondenz, Treffen und Gespräche. Spaziergänge mit Picknick und gemeinsame Unternehmungen folgten. War sie vielleicht zu forsch? Vielleicht war sie zu direkt. Der Altersunterschied von 10 Jahren, jüngerer Mann, ältere Frau, schien seinerseits unüberbrückbar. Das Gedicht war nach seiner Meinung kein Liebesgedicht an sie. Für eine Verflossene hätte er es geschrieben. Wie kam es an diese Email? Hatte er einst gern eine Referenz zu ihrem beruflichen Tun geschrieben, die auf ihrer Website zu öffentlicher Einsicht stand, forderte er später die Löschung. Ein Mann, der sein Leben auf beruflichen Erfolg ausgerichtet hatte, dessen Kräfte durch den Umgang mit ihr gewachsen waren und transformiert wurden, schlug eine Tür zu. Immer wieder fielen von ihrer Seite die Worte: „Aber mein Gefühl sagt mir, …“

Könnten Gefühle sprechen, wären sie Gedanken, denn nur so können sie Worte werden. Was also fühlte sie? Stark angezogen, elektrisiert, inspiriert war sie wohl. Die Projektion tat ein Übriges. Vollständig könnte sie sich in seiner Gegenwart fühlen, glaubte sie. Ein auf und ab der Gefühle folgte. Der Körper reagierte heftig. Wenn sie allein den Park ihrer Treffen betrat, hatte sie häufig die Wahrnehmung, er ginge neben ihr in gleicher Vertrautheit und Hinwendung.

„Du bist, was ich in Dir sehe“, ist ein gern zitierter Satz. Vor allem macht er deutlich, welchen Grund das Unglücklichsein durch Ablehnung hat. Je mehr Liebe, Zuneigung, Verbindungswille in den anderen Menschen hineinprojiziert wird, umso größer ist die Enttäuschung, wenn der oder die Angebetete „Nein!“ anstelle des erwarteten „Ja, ich will!“ sagt.

Es gab für die Beiden kein „Happy End“. Gefühlt war es noch nicht einmal der Anfang eines wirklich Gemeinsamen. Auch im Loslassen noch fragte sie sich immer wieder: „Was will er denn von mir?“ Die Antwort: „Offensichtlich nichts“, war schwer für sie anzunehmen.

© Kathrin Schink 2021-03-05

Von Tränen, Schmerz und VerzweiflungSchattenseiten

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.