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#kindheit#verwandlung#wutausbruch

Mut zur Wut

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Mut zur Wut | story.one

Wenn Eltern hilflos vor lauten Wutäußerungen Ihrer Kinder stehen, habe ich heute meist den Impuls ihnen Mut zuzusprechen. Ich möchte dem Menschen vor mir sagen: „Hab Mut zur Wut. Gesteh deinem Kind sein Gefühl zu und freu dich, dass es dieses Gefühl zum Ausdruck bringt. Versuch mit dir selbst in Verbindung zu sein und mit deinem Kind in Verbindung zu kommen. Vielleicht hast du die Kraft der Ursache näherzukommen, Sicherheit und Angenommensein zu vermitteln. Dann kannst du deinem Kind eine lebensdienliche Strategie vermitteln, seine Bedürfnisse zu erkennen und mit seiner Wut umzugehen. Kannst du dir das vorstellen?“

Vor 15 Jahren war ich selbst in solchen Situationen gefangen. Um mir zu helfen, hatte ich Karlchen Kobold auf die Welt kommen lassen, als Freund für meine Kinder und Helfer für mich. Nach einem Ereignis mit Wutausbruch auf Kindesseite und hoher Frustration bei mir selbst reimte ich los:

Karlchen ist nicht gern allein, drum lädt er sich Freunde ein. Gemeinsam spielen, das macht Spaß. Munter toben sie durchs Gras. Die Wiese ist mit Blumen voll. Alle finden das ganz toll. Karlchen liebt die Blumen sehr und sie pflücken immer mehr. Plötzlich schreit das Karlchen: ‘Ich!’ trampelt, wälzt am Boden sich. Will alle Blumen ganz allein. Hört gar nicht auf herumzuschreien. Karlchen Kobold brüllt und tobt. Niemand Karlchen dafür lobt.

Rudi Raupe ist empört: Das Gebrüll beim Spielen stört. Arndt Ameise die Nase rümpft, wenn Karlchen wütend schreit und schimpft. Bruno Biene nimmt Reißaus – das Gebrüll hält er nicht aus. Zum Schluss bleibt Karlchen ganz allein. Niemand will sein Freund mehr sein. Keiner will mehr mit ihm spielen, weil sie sich abgestoßen fühlen.

***

Dies waren eher ein Spiegel und eine Beschreibung der möglichen Reaktionen der anderen auf einen Wutausbruch. Eine geeignete Strategie fiel mir damals nicht ein. Trotzdem war es hilfreich, da es uns die Basis gab, in liebevollem Kontext darüber zu sprechen. Heute würde ich ergänzen:

Karlchens Wut ist nun verraucht. Was ist das, was er jetzt braucht? Gemeinschaft, Freude und auch Spiel – wollte er denn da zuviel? Ein großer Strauß sollte es sein. Binden wollt ihn Karl allein, dass alle ihn bewundern können und ihm noch mehr Blumen gönnen. Karlchen sitzt da und ist sehr traurig, allein ist es ihm wirklich schaurig.

Da hört er es von Ferne summen, neben sich hört er es brummen. Von Ferne fliegt Bruno Biene heran. Rudi Raupe schaut von der Seite ihn an. Karlchen seufzt tief und streckt die Blumen nach vorn: „Es tut mir leid, das war mein Zorn. Ich wollte den schönsten Blumenstrauß, doch ein Vergleich knipst Freude aus. Nächstes Mal werde ich euch fragen, ob wir sie gemeinsam zusammentragen.“

© Kathrin Schink 2021-01-28

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