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#mutmacher#menschenliebe#immerich

Nur echt mit den Mokassins

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Nur echt mit den Mokassins | story.one

„Aber du bist doch so ein hübsches Mädchen!“

Grrrrrrrrrrrr … aha

„Nun zieh doch einen Rock an. Der steht dir doch!“

Rabäh … Rock, widerlich

Mit 6 Jahren werde ich eingeschult. Wie es sich gehört trage ich eine Schultüte. Auf dem Rücken habe ich einen selbst ausgesuchten roten Lederranzen. Ein Rock und die Frisur Marke „Ratzebubi“ runden das Bild ab.

Das Foto zeigt mich und verwandte Erwachsene.

Vor allem aber zeigt es eines: meinen Triumph! Meine Füße, weiß bestrumpft, stecken in superbequemen hellbrauen Jungs-Mokassins.

Aus dem „hübschen Mädchen“, einem Judoka mit breiten Schultern und schulterbreitem Gang – bei Stress in Kampfhaltung, wird eine „hübsche junge Frau“, die immer noch aufgefordert wird, Röcke zu tragen. Jedes dieser Ansinnen verstärkt den Widerstand, bis ich erkenne: Ich soll da das Bild anderer Menschen über das Weibliche erfüllen, damit deren Welt in Ordnung ist. Diese Erkenntnis macht es leichter und der viel zitierte Spruch „Was kümmert es eine starke Eiche, wenn sich ein kleines Wildschwein an ihr schubbert?“ bleibt lange Zeit mein Favorit.

25 Jahre nach meiner Einschulung fange ich selbst an, mich mit dem Thema Weiblichkeit und Frausein zu befassen. Was für eine Fülle und welch ein Reichtum! Die Kleidung ist nur eine winzige Facette. In alten Kulturen hüteten Frauen ihr Wissen und Traditionen. Heute, wo alles gleich sein soll, greifen viele von uns darauf zurück. Einfach von der Vorgeneration lernen genügt nur noch selten. Unsere Mütter sind überwiegend emanzipierte Frauen der Neuzeit. Wo es noch Großmütter gibt, sind auch sie der modernen Zeit verhaftet.

So wünsche ich, dass es uns gelingt, von Frau zu Frau über die Generationen das urweibliche Wissen wiederzuentdecken und weiterzugeben, um so heilsam in die Beziehung zwischen den Geschlechtern zu wirken.

Ich selbst trage nun mit Freude Röcke: lange, schmale, weite, wallende, bunte, monochrome. Hauptsache sie sind bequem. Gestrickte Stulpen darunter und die Barfußschuhe mit der breiten runden Form sind ein Geschenk an mich selbst.

© Kathrin Schink 2020-03-18

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