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#wut#sohn#postkarte

Post von Uschi

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Post von Uschi | story.one

„Mama, die Uschi hat mir geschrieben.“ Mein 17jähriger guckt treu.

„Welche Uschi?“ Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren, um mich vor dem Reinfall des Nichtwissens zu bewahren.

„Na, die Ursula. Sie hat eine Karte geschickt.“ Das Gesicht des Kartenempfängers ziert inzwischen ein breites Grinsen. „Hier! Willst du lesen?“

Meine grauen Zellen ächzen unter der Last der neuen Informationen: Eine Postkarte in Camouflage, rückseitig eng bedruckt. Auf der Vorderseite inmitten des Tarnaufdruckes prangt unser Familienname dunkelgrau auf weißem Grund. Der äußere Reiz hat inzwischen das Sehzentrum erreicht, das die Information gern weitergibt. Alle Alarmglocken schrillen plötzlich. Das Notfallprogramm läuft an: Adrenalin schießt durch meinen Körper, der Angriff-/Verteidigungsmodus wird aktiviert, mein Körper nimmt Kampfhaltung ein.

„WAS IST DAS?“

Es ist die Einladung von Frau von der Leyen, namens der Bundeswehr, an einen ganzen Jahrgang Jugendlicher, sich bei der Bundeswehr zu bewerben. Tolle Job- und Aufstiegschancen werden versprochen. In mir kocht es! Diese Einladungen sind personalisiert. Auf offener Postkarte sind für Jede/n Einladungstext und persönliche Angaben zu lesen. Wo haben die diese Daten her? Vom Einwohnermeldeamt? Ist das rechtens? Wird wieder Kanonenfutter gebraucht?

Welcher Arbeitgeber hat die Möglichkeit einen ganzen Jahrgang zu bewerben, um die Besten einzustellen? Wo ist da der berühmte Datenschutz? … und so geht das noch eine Weile in meinem Kopf weiter.

Erwartungsfroh schaut der Überbringer dieser Botschaft. Er kennt seine Mutter gut. Platzt sie oder platzt sie nicht?

Ich schaffe es, mich zu beherrschen. In dem Wissen, dass dies der nutzloseste Satz in dieser Situation ist, quetsche ich hervor: „Wenn du dich da bewirbst, kriegst du den Arsch voll.“

„Das schaffst du eh nicht.“, tönt es prompt zurück. Gefolgt von der Versicherung, er habe andere Pläne.

Wochenlang beschäftigt mich dieses Thema. Ich erwäge die Einreichung einer Petition, versuche mich darin, sie anzulegen. Scheitere am Ende an der Technik. Es rutscht irgendwann in den Hintergrund. Immer wieder mal taucht die Frage auf: Wie empfinden anderer Mütter, wenn Sie auf einem Postkarten-Uniform-Imitat den Namen ihres Sohnes erblicken und gerade wieder Druck zwischen den Großmächten hochkocht?

PS: Bei der Recherche zu dieser Story stellte ich zu meiner Erleichterung fest, dass es Protest und Presseartikel gegeben hat.Wer das Original-Layout bestaunen möchte, gibt unter Google "bundeswehr postkarte mit namen" ein und scrollt nach unten.

© Kathrin Schink 2020-05-14

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