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#israel#reise

Schlappen und Gewehre

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Schlappen und Gewehre | story.one

Heiß ist es. Natürlich.

Heiß ist es im Jahr 2014 in der heiligen Stadt Jerusalem. Wir haben das Dach einer Botschaft erklommen und schauen über Stadt und Land.

Mein Blick schweift von den Minaretten und Kirchtürmen hinunter zu den Gassen und Plätzen. Was ich sehe fasziniert und irritiert mich gleichermaßen. Schlappen und Gewehre – junge Männer und Frauen in Freizeitkleidung mit Flipflops an den Füßen schlendern entspannt über den Platz. Sie unterhalten sich und kaufen an Marktständen Eis und kleine Leckereien. Ich muss einfach immer wieder dorthin schauen. Bunte Bermudashorts und ein Schnellfeuergewehr an demselben Menschen will mein Gehirn genausowenig akzeptieren wie Frauen, die eine Waffe wie ein Handtäschchen in der Ellenbeuge schlenkern.

Ich teile unserem Reiseführer meine Irritation mit. Der lächelt mich milde an und erklärt: „Jeder junge Israeli dient einmal in der Armee. Nur die Orthodoxen und die für untauglich Erklärten sind davon befreit. Die jungen Leute wohnen noch zu Hause bei den Eltern. Es ist eng bei den meisten. Manche teilen sich sogar ein Zimmer mit kleineren Geschwistern.“, erklärt er mir auf Englisch. „Jeder Soldat ist selbst dafür verantwortlich, dass seine Waffe sicher verwahrt ist, wenn er nach Haus fährt. Was bleibt ihnen übrig? Kaum jemand hat einen Waffenschrank.“

‘Ok, ok! Ganz ruhig!’, kreischt mein Großhirn. ‘Sie nehmen diese Waffen über das Wochenende mit nach Hause.’, mein Kopfkino springt sofort an. Ich sehe eine winzige Wohnung mit vielen Menschen. Von der Großmutter bis zum Kleinkind rummelt alles durcheinander. Die Großmutter bewacht die jüngsten Enkel. Mutter kocht das Abendessen. Der Großvater sitzt auf der Couch und erklärt einem kleinen Mädchen etwas. Er schaut auf die Uhr an der Wand. Die Wohnungstür öffnet sich leise. Ein junger Mann mit buntgemusterten Bermudas und Badelatschen kommt herein. Er lehnt das mitgebrachte Schnellfeuergewehr lässig an die Wand und schlüpft aus den Schlappen.

„Schalom!”, ruft der Bursche und biegt Richtung Küche ab. „Was gibt es zum Abendessen?”

Der Großvater sieht auf und brummelt: „Lass die Knarre nicht immer an der Tür herumstehen. Was soll deine Mutter denken? Schieb sie halt unter die Couch. … Setz dich Junge. Wie war dein Tag?”

Reines Kopfkino natürlich.

© Kathrin Schink 2020-08-20

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