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#leben#reise#leidenschaft

Schlorrend und schnorrend durch die Gassen

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Schlorrend und schnorrend durch die Gassen | story.one

Die Gassen der Altstadt Jerusalems sind schmal. Der Boden ist mit weißen Steinen belegt. Links und rechts sind Läden, deren Vordächer sich in der Mitte begegnen.

Schon seit geraumer Zeit beobachte ich den Fußboden. Natürlich sind die Steine ausgetreten. An bestimmten Stellen sind sie regelrecht poliert. Sie glänzen. Fast wirkt es wie ein Gleis. Immer dort, wo eine Stufe ist, gibt es zwei Schrägen in Verlängerung des „Gleises“.

Wildes Klingeln reißt mich aus meinen Gedanken. Instinktiv springe ich in den nächsten Ladeneingang. Ein schmaler Karren, hochbeladen mit Backwaren, schießt an mir vorbei die steile Gasse hinunter. Ein junger Mann lenkt und bremst, indem er auf zwei halben Autoreifen hinten am Karren, ein regelrechtes Tänzchen vollführt.

Intensive Gerüche umgeben mich. Händler preisen ihre Waren an: Weihrauch und Gewürze, Frauenkleidung mit Gewirk und Spitze, Nachahmungen von Berberdolchen und traditionellen Schmuck. In meinem Kopf kreisen die Märchen aus Tausendundeine Nacht.

Mein Begleiter betritt ein Geschäft und beginnt eine Verkaufsverhandlung. Es geht um ein Kleidungsstück, das sichtlich für eine Frau gekauft werden soll. Mit englischen und deutschen Brocken nimmt die Verhandlung Fahrt auf. Der Preis ist dem potenziellen Käufer zu hoch. Der Verkäufer bietet ein weiteres Kleid an. Gewiss habe der Kunde eine Tochter. Der Gesamtpreis ist nun höher, als der Preis des einen Kleidungsstückes, jedoch geringer, als wären beide Kleidungstücke einzeln gekauft.

Ich habe auf einem Schemel Platz genommen und folge dem Fortgang des Gespräches. Wir erhalten, natürlich als reines Gastgeschenk, Mocca angeboten. Er wird von meinem Begleiter dankbar angenommen.

Inzwischen ist die Verhandlungssprache Englisch. Der Kunde sprechdenkt über zu wenig Geld und zögert. Der Händler erkennt seine Chance: Hat der Kunde an seinen Sohn gedacht? Gewiss hat der Kunde einen Sohn! Wie ist es mit diesem herrlichen Berberdolch? Geschenkt, wenn der Kunde beide Kleidungsstücke zum gebotenen Preis nimmt!

Nachrechnen wäre angeraten: Ist der „gebotene Preis“ so, als würden beide Kleidungsstücke zum jeweiligen Einzelpreis erworben? Ich versuche meinen Einwand vorzutragen. Vergeblich! Die Männer sind sich einig: zwei Kleidungsstücke und ein Berberdolch zum besprochenen Gesamtpreis. Die Kreditkarte wird gezückt, virtuos rechnet der Händler von Schekel in Dollar um, die Zahlung erfolgt.

Ein gemeinsamer Mocca zum Geschäftsabschluss rundet die Transaktion ab. Ich sehe zwei höchst zufriedene Gesichter. Beide versichern sich, dass sie großzügig dem anderen gegenüber gewesen sind.

© Kathrin Schink 2020-04-29

leidenschaftmenschenliebe

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