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#kommunikation#wertschätzung#märchen

Sperrfeuer statt Worteslust

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Sperrfeuer statt Worteslust | story.one

Da kommt er. Groß, schlank, sportlich.

Lass es ihn heute sagen! Jetzt! – Ich höre innerlich schon die Worte: ‘Guten Morgen. Ich freue mich, euch zu sehen. Lasst uns in die Woche starten.’

Es knallt wie Gewehrschüsse: „Moin – setzen – Bücher raus.“ Die Kiefer mahlen. Der Wunschtraum platzt. Die Routine geht los.

Märchen, die kaum noch ein Schüler kennt, stehen auf dem Programm. Der Lehrer kennt sie auch nicht mehr. ‘Erzählt mir Märchen. Ich habe schon lange keine mehr gelesen. Wer kennt eines und trägt es vor?’, sagt der Lehrer in meinem Ohr.

„Na, Märchen sind ja nicht mein Fall. Frau X hat da Arbeitsblätter vorbereitet.“, kaut der hinter dem Schreibtisch Sitzende.

Ich weiß gar nicht, wohin mit mir. Der neben mir auf dem Stuhl Hängende auch nicht. Ein Märchen wird vorgelesen. Ich kenne es und erfreue mich am flüssigen Vorlesen und passender Intonation. Am Ende gibt es Beifall aus der Klasse. In meinem Kopf purzeln die wertschätzenden Worte eifrig übereinander, um zur Sprachöffnung zu gelangen.

„Nicht schlecht! Wirklich nicht schlecht!“, tönt es an der Front. Ich zucke zusammen.

Meine Worte prallen auf die Rückseite meiner Zähne und bleiben dort in verzweifeltem Durcheinander liegen: ‘vorgelesen das großes hast Du Jahren ein ist mir es das mir Geschenk vielen gemacht seit Märchen wurde erste’ - Es dauert eine Zeit, bis sich die Gefallenen an den Händen fassen und aufs Schlachtfeld torkeln: ‘Du hast mir ein großes Geschenk gemacht, es ist seit vielen Jahren das erste Märchen, das mir vorgelesen wurde.’ Wie gern hätte ich in diesem Moment die Gelegenheit gehabt, dem Jungen meine Wertschätzung auszudrücken. Beim Hinausgehen aus dem Klassenraum bringe ich die Kurzfassung: “Vielen Dank, ich habe mich sehr über dein Vorlesen gefreut.” Der Junge lächelte ein wenig unsicher. Auf meine Frage, ob ihm das bisher niemand gesagt hätte, lautet die Antwort: “Ich hab doch meine Eins!”

Ist ein ‘Wirklich nicht schlecht!’ also der Ausdruck für eine Bewertung, die mit der Note Eins erteilt wird? Ist Bewertung wichtiger als Wertschätzung? Hat der Lehrer jemals herzliche Wertschätzung erfahren und ist er in der Lage einem Menschen zu sagen, was dieser tat, um sein Leben zu bereichern? Noch Wochen später bewegt mich dieses Thema.

Ob es daran lag, dass weder Empathiefähigkeit noch Wertschätzung* im Studium vermittelt wurden oder der Betreffende als ehemaliger Offizier der Bundeswehr dies grundsätzlich für unangemessen hielt, blieb mir unergründlich. Später erfuhr ich, dass seine Bedürfnisse nach Wirksamkeit und Autonomie im Zweitberuf wohl unerfüllt waren, da er statt seiner Traumfächer auf Deutsch und Geschichte ausgewichen war.

*Anm.: Lob oder Tadel sind keine Wertschätzung. Sie sind Urteile, die den derart Be- bzw.Verurteilten im Unklaren darüber lassen, was er tun oder unterlassen kann, um die Anforderungen oder Bitten des Urteilenden zu erfüllen.

© Kathrin Schink 2020-04-01

mutmachermenschenliebeAlles Schule oder was

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