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#tod#leben#fluss

Wenn ein Mensch …

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Wenn ein Mensch … | story.one

Anfang Juni, ein heißer Tag mit strahlendem Sonnenschein. Ich gehe gewohnte Pfade. Eine warme goldfarbene Wolke umhüllt mich plötzlich. Sie fühlt sich glücklich an. Beglückt bleibe ich stehen. Nach einiger Zeit ebbt diese Wahrnehmung ab und ich will daran denken, zu Hause zu überprüfen, wer oder was mir da zuteil wurde.

Später, verlasse ich das Haus einer Freundin, um über den Traberweg zur Wuhlheide zu radeln. Am Haus vorbei schiebe ich mein Rad auf das Gartentor zu. Mein Handy klingelt. Ich fummele es aus der Tasche – meine Mutter ruft an.

„Sitzt du gut?“

Wie kommt sie darauf, dass ich sitze? „Nein, ich bin unterwegs.“

„Setz dich.“ Ihre Stimme klingt anders als sonst.

„Nein, ich bin unterwegs. Was ist los?“ Das Wort Tod schießt mir durch den Kopf. „Ist Papa tot?“

„A. ist gestorben.“ Bricht es aus ihr heraus und sie rattert herunter, was es an Erkenntnissen zu den Todesumständen gibt. Einiges ist bekannt, anderes wird die Polizei zu gegebener Zeit mitteilen. Ich kenne meine Mutter. Die Beherrschung sitzt wie ein strammer Harnisch, hält sie aufrecht und wird erst abfallen, wenn sie alleine ist.

Also frage ich, ob meine Anwesenheit benötigt ist. Nein, das ist sie nicht. Mein Vater ist ja da. Sie wird mir sagen, wenn es weitere Informationen gibt. Wir verabschieden uns. Ich fahre los.

Mein Gehirn beginnt zu arbeiten: A. hat also die 44 nicht geschafft. Schon seltsam, uns trennen nur eineinhalb Jahre. Groß, schlank, sportlich, gutaussehend – so wird er jetzt also bleiben. Und die Glückswolke heute war er dann wohl. Also hat der Moment gepasst. Alt werden war ihm eh unangenehm.

Meine Beine treiben das Fahrrad voran. Der Wind zaust meine Haare. Unsere gemeinsame Zeit zieht vor meinem inneren Auge vorbei. Da war das von uns gemeinsam bewohnte Zimmer, in dem wir uns lautstark zankten, bis wir jeder ein eigenes bekamen. Unser erstes gemeinsames Motorrad ETZ 150, das wir von dem Geld kauften, das jeder von uns im Ferienlager als Küchenhilfe verdient hatte. Knallrot war es und als ich nach einer Spritztour mit verbeulter rechter Seite wiederkam, reparierte er es stillschweigend. Fahrradtouren mit Zelt in Mecklenburg, Wildwasserkajak in Lengriess, Wasserski und andere intensive Erlebnisse prägten unsere gemeinsame Zeit.

Irgendwann war er fort. Unsere Leben berührten sich kaum noch. Wir sahen uns manchmal zu den Geburtstagen. Jeder von uns hatte eine Familie gegründet. Meine Mutter war das Bindeglied.

Wenn ich an ihn denke, fällt mir der Song „Wenn ein Mensch lebt“ von den Puhdys ein.

Bunte Blütenblätter treiben die Spree hinunter. Mit Freunden haben wir ihn dort verabschiedet – einen, der glücklich diese Welt verlassen hat. Mit der Diagnose, die die polizeiliche Obduktion ergab, hätte er nicht leben wollen.

© Kathrin Schink 2020-04-15

mutmacherleidenschaftmenschenliebe

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