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#reisen#meditation#fremdewelten

Wenn sich die Flächen gleichen

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Wenn sich die Flächen gleichen | story.one

Wir stehen in der Kathedrale von Chartres, dort wo das Labyrinth in den Fußboden eingebracht ist. Zu unserem Glück dürfen wir die Stühle beiseite stellen, die es sonst verdecken.

Kreisrund ist es. Schwarz auf weiß, weiß auf schwarz … ja was denn nun? Wir erfahren, wie es dem Ritus gemäß durchschritten wird und dann laufen wir hindurch, Einer nach dem Anderen. Sehr deutlich erkennen wir: Ein Labyrinth ist kein Irrgarten. Wer Schritt für Schritt dem Pfade folgt, kommt ans Ziel. Wir laufen buchstäblich zwei Schritte vorwärts und einen zurück. Dadurch wird deutlich, dass es auch immer eine Art rückwärts gibt, bevor wir weiter vorankommen. Es entsteht eine Pendelbewegung des Körpers, ein Wiegeschritt, der fast berauscht und den Geist für neue Eindrücke öffnet. In früheren Zeiten hat so mancher hier die Reise nach Jerusalem nachempfinden wollen, zu der eigener Antrieb oder die Möglichkeiten fehlten.

Von geometrischen Gebilden habe ich gelesen, den Tafeln von Chartres, die mit der Legende vom Heiligen Gral verbunden sind. Je nach Legende und Erzähler wurden sie entweder in der Bundeslade transportiert, dienten der Meditation oder sind älteren Ursprunges als das Christentum. Die Berichte stimmen in einem überein: der Flächengleichheit dreier unterschiedlicher geometrischer Figuren, die zueinander in Beziehung stehen. Auch in anderen Sakralbauten dieser Zeit gibt es diese Konstellationen.

Ein Kreis, innerhalb dessen sich das Labyrinth befindet, bildet den Einstieg. Es folgt ein Quadrat, das der Eintretende auf der Diagonalen durchschreitet, wenn er RichtungApsis und damit zum Rechteck läuft. Das Einzige jedoch, was sich dem Betrachter deutlich offenbart, ist die Kreisform. Nur wer zu den Suchenden oder den Wissenden gehört, dem erschließen sich weitere Geheimnisse.

Faszinierend und wohl noch immer nur teilentschlüsselt ist die Frage: wozu das Ganze?

Wer gab den Bauleuten Anleitung eben diese Flächen und Anordnungen zu wählen? Wie kam es dazu, dass daraus eine Meditationsform entwickelt wurde? Oder war es umgekehrt? Was machte es notwendig oder reizvoll, diese Informationen derart zu verschlüsseln?

Auf die Tafeln von Chartres zu meditieren kommt erst mit diesem Besuch im Jahr 2013 in mein Interessensfeld. In einer bestimmten Anordnung werden die Formen je abwechselnd in roter und blauer Farbe ausgelegt. Durch eine Fokussierung und Blickveränderung bildet sich ein weiteres Bild, das ausschließlich im Gehirn entsteht. Dies soll unsere Fähigkeit schulen, Dinge wahrzunehmen, die nicht offensichtlich sind. Mit jedem Stuhl, den wir wieder auf die Fläche stellen, verbirgt sich das Geheimnis der Tafeln ein Stückchen mehr vor dem einfachen Besucher.

© Kathrin Schink 2021-01-10

fremdewelten

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