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#wildtierbeobachtung#unvergesslichreisen

Ein Urwald voller Kulleraugen

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Ein Urwald voller Kulleraugen | story.one

Eines Tages zog es mich nach Madagaskar. Losgelöst vom Festland, entfaltet sich dort die Evolution seit Millionen von Jahren ungestört in all ihrer Vielfalt. Hier gibt es tausende Tierarten, Berge, Urwälder und weiße Strände. Aber auch mystische Grabstätten oder Königshügel mit Palästen unweit der Hauptstadt, Antananarivo. Im Süden säumen jahrhundertealte Affenbrotbäume staubige Straßen. Die Baobab-Allee erweckt den Eindruck, als wüchsen wuchtige Baumstämme mit den Wurzeln nach oben zum Himmel.

Alles auf Madagaskar ist besonders und einzigartig. Von dem skurrilen Giraffenhalskäfer, der Blätter rollt, bis hin zu farbenfrohen Chamäleons und putzigen Lemuren. Auf dem Weg zu unserer Lodge im Osten überquerten wir am späten Abend einen langen See, der uns an dicht bewachsenen Ufern vorbeiführte. Tausende von Glühwürmchen leuchteten uns zusammen mit dem Mond den Weg.

Beim Spaziergang durch den umliegenden Urwald konnten wir uns an den putzigen Lemuren nicht sattsehen. Eine Fülle von Kulleraugen verfolgten uns durch die Äste hindurch mit stets fragendem Blick. Mal baumelten die Lemuren kopfüber am Schwanz. Mal schlugen sie einen ulkigen Radschlag quer über den Wanderweg. Der Indri-Lemur ist mit bis zu 90cm der Größte. Er lebt hoch oben in den Bäumen. Unsere Blicke wanderten also alle rauf, auf der Suche nach weiß-grau-schwarz gemustertem Fell. Das Gesicht ist durch große, buschige Ohren, Kulleraugen und eine kleine, fast unbehaarte Schnauze gekennzeichnet. Mehr Stofftier-Look kann man der Natur wohl kaum abgewinnen. Morgens kommunizieren Indris lautstark von Baumwipfel zu Baumwipfel. Ein weiteres Wunder dieser Insel, dass wir live miterleben durften.

Plötzlich sprang ein wilder Indri auf Augenhöhe vor uns an einen Baumstamm. Seine Kulleraugen liebäugelten mit den Bananenresten in meiner Hand. Der Guide ermutigte mich, den Arm auszustrecken. Alle anderen zückten die Kamera, für den Fall, dass er gleich samt Banane davonspringt. Geduldig streckte das Tier seine Pfote aus und umschloss meine Hand mit seinen Fingern. Dann zog er sie sanft zu sich. Mit der anderen Pfote griff er nach der Banane und schmatzte vor sich hin. Meine Hand hielt er fest, bis alles verputzt war. Eine Begegnung mit der Natur, die ich nicht vergessen werde. Seine Pfote war weich, glatt und warm wie eine Katzentatze. Der Druck war zaghaft. Sein Blick aufgeweckt. Nach kurzem Gesang zum Abschied, entschwand er mit einem Sprung zwischen den Ästen in der Wildnis. Mir bleibt ein wunderschönes Foto.

© Kavitha-on-tour 2022-03-06

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