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#seele#unendlichkeit

Eine Million Jahre Snooze

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Eine Million Jahre Snooze | story.one

„Fast so alt wie Gott“, dachte sie sich. Als eine der ersten wurde ihr Bewusstsein in die grenzenlose Cloud hochgeladen. Erst Jahre später traf ihr neues digitales Ich auf Bekannte aus einem vorigen, tatsächlich anderen Leben. Und so schön es auch war, sie wiederzusehen, so schnell waren sie auch wieder verloren in einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Nach ein paar Jahrhunderten lebt man sich auseinander; verliert sich aus den „Augen“. Viele wurden verrückt innerhalb der nächsten paar Jahrtausende. Der Großteil hingegen vereinsamte auf paradoxe Weise in diesem grenzenlosen Gespinst, dessen Unbeständigkeit seine größte Stärke, aber auch seine größte Schwäche zu sein scheint.

Unvorbereitet war man in diese alternative Realität gestolpert und bis sie merkten, dass selbst die stärksten Persönlichkeiten an der Reizüberflutung zerbrachen, war es lange zu spät. Welche Sicherheit vermag eine sogenannte Langzeitstudie über 50 Jahre schon zu geben, wenn wir uns die Unendlichkeit vor Augen rufen. Spekuliert haben sie über ein Leben ohne Körper, ohne das Feedback der Sinne. Man könne alles mithilfe spezieller Algorithmen nachahmen, waren ihre Worte und in vielerlei Hinsicht sollten sie recht behalten. Vom ersten Tag an ließ sich ein lebensechter Orgasmus simulieren – zunächst ohne Limit bis in Einzelfällen Seelen in künstlicher Euphorie verglühten. Dennoch vermisste sie einfache Dinge des Menschseins in jeder Nanosekunde. Als eine der wenigsten hatte sie überdauert. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit war sie eines der ältesten Wesen des Universums.

Als strenggläubiger Katholik hatte ihr Vater ihr ausreden wollen, einen so unmenschlichen Plan leibhaftig zu unterstützen. Aber ihre bedrohliche und rasant fortschreitende Krankheit versetzte sie in Zugzwang. Wenige Tage vor der bahnbrechenden Extraktion, starb ihr alter Herr in schrecklicher Ungewissheit um seine geliebte Tochter.

Beinahe eine Milliarde Jahre war es nun her und dennoch erwacht sie wieder mit genau demselben Gedanken aus ihre perfektionierten Schlafsimulation, die ihrem Geist die nötige Ruhe über diese unbegreifbar lange Zeit gewährt hatte. „Nur noch einmal Snooze… In einer Million Jahre sieht die Welt schon ganz anders aus.“ Geübt kuschelt sie sich mit beiden Armen wieder fester an die weiche Daunendecke, während sie die lange überfällige Drehung auf die linke Seite vollendet.

© Knut Petersen 2021-05-04

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