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#ich#immerweitermachen

Gerade jetzt. Eben.

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Ich hatte heute morgen Wasser auf der Arbeitsplatte der Küche verschüttet. Mal wieder so eine sinnlose Tollpatschigkeit von mir. Nun wollte ich es aufwischen. Ich beugte mich mit dem Lappen in der Hand nach vorne. Und? Was passierte? Ich habe meinen Schädel mit voller Wucht gegen die Ecke der Dunstabzugshaube gedonnert. Passiert mir immer mal wieder. Bin eben sinnlos tollpatschig. Doch statt, wie sonst immer, einfach den Schmerzreiz zu unterdrücken und äußerlich ungerührt weiterzumachen, verfluchte ich die Abzugshaube dafür, dass sie immer da an dieser Stelle ist (na gut, ich benutze sie auch selten); ich verfluchte die nassgewordenen Gegenstände dafür, dass sie nass geworden waren; ich verfluchte mich selbst dafür, immer so sinnlos tollpatschig sein zu müssen. Und während ich mir die schmerzende Stelle am Kopf hielt, fing ich an zu weinen. Nicht, weil es so weh tat. Ich weinte, weil der harte Stich in meinen Kopf, der körperliche Schmerz, plötzlich zu dem Tropfen wurde, der mein Fass an seelischen Schmerzen zum überlaufen brachte. Ich sank zu Boden und versuchte mit dem Arm, der nicht den Kopf hielt, mich selbst zu umarmen. Hätte ich mich selbst von außen betrachten können, hätte ich vielleicht geglaubt, ich sähe aus wie jemand, der gerade zusammengeschlagen worden war. Aber das interessierte mich in diesem Moment nicht. Ich dachte nur an all das, was mich so fertig macht; die Dinge, die ich nicht beeinflussen kann; die Gedanken, die auszusprechen ich mich noch nicht traue; meine Schwächen, obwohl mich so viele andere Menschen als stark bezeichnen.

Und doch arbeitete mein Gehirn weiter: Es formte die ganze Situation zu einer Geschichte und gab mir ein, sie hier zu erzählen. Jetzt gleich! So lange alles noch frisch ist! Noch bevor die Tränen getrocknet sein werden! Ich weiß nicht, ob es ein guter Einstand ist. Es ist mir auch gerade egal. Denn während ich schreibe, rotze ich ein weiteres Taschentuch voll.

Es folgt die stille Leere. Wenn alle Tränen für diese Situation geweint sind, der Kopf schlagartig aufhört zu denken und man nichts sehend vor sich hin starrt. Ich weiß nicht, wie lange dieser Zustand bei mir immer so anhält. Meistens nur Sekunden, vielleicht ein paar Minuten, sagt mein Gefühl.

“Steh' auf! Mach, was du machen wolltest! Du musst dich bewegen!" Das ist die letzte Phase. Der Drang zu Aktivität. Der Selbstzwang zum Weitermachen. Tränen trocknen, Taschentuch verächtlich beäugen und entsorgen, mit (Haus-)Arbeit ablenken und die Situation möglichst schnell vorbeiziehen lassen. Hoffentlich werde ich sie heut noch vergessen! Bis zum nächsten Mal.

© kristin_missk 2021-09-15

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