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#adventskalender

Das japanische Püppchen

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Das japanische Püppchen | story.one

Bitte bringt alle eine leere Klopapierrolle mit, wir basteln einen Adventskalender, sagt die Lehrerin ihren genau 24 Schülern.

Gesagt, getan. Von ihr bekommen wir buntes Krepppapier zum Einwickeln der Rollen, eine kleine Süßigkeit und jeder zwei Sticker in Form japanischer Püppchen zum Einpacken. Jeder Sticker sieht anders aus. Jedes Püppchen hat ein andersfarbiges Kleidchen als das andere. Bevor ich die Aufkleber in die Rolle gebe, streichen meine Finger immer wieder über das samtige Kleidchen des Püppchens und über seine rosigen Wangen. Ich freue mich unbändig auf den Tag, an dem ich das Adventskalendertürchen öffnen darf. Ganz gespannt bin ich, wie meine Püppchen sein werden. Wie ihre Gesichtchen aussehen und welche Farbe ihre Kleidchen haben werden. Ich sehe mich die Aufkleber bereits in mein Sticker-Album kleben. Liebevoll packe ich die Püppchen und auch die Süßigkeit in die Rolle ein. Außen bemale ich sie mit Schneeflocken und Sternen.

An jedem Tag wird ein anderer Schüler ausgelost, welcher das Türchen öffnen darf. Ich bin voller Vorfreude und höre jeden Tag gespannt zu, wenn unsere Lehrerin einen neuen Namen vorliest. Am 7. Dezember ist es soweit. Mein Name erklingt melodisch aus dem Munde der Lehrerin. Gespannt öffne ich die Rolle und fische die Süßigkeit heraus. Das eine Auge schließe ich nun, um mit dem anderen besser in die Rolle sehen zu können. Ich kann keine Aufkleber vorfinden. Und so sehr ich die Rolle auch auf den Tisch klopfe, es fallen keine Sticker raus. Mein ohnehin sehr verletzliches Kinderherz schmerzt. Ich bin unendlich traurig. In der Pause verdrücke ich die vorher zurückgehaltenen Tränen. Obwohl wir wirklich eine ausgesprochen nette Lehrerin haben, traue ich mich nicht ihr zu sagen, dass sich in meinem Türchen keine Aufkleber befinden. Voller Neid beobachte ich nun tagein tagaus die anderen Schüler beim Öffnen der Rollen. Jeden Tag aufs Neue frage ich mich, wer wohl der Übeltäter ist, der die Sticker nicht in die Rolle, sondern in die eigene Tasche gegeben hat.

Diese Geschichte ist jetzt 24 Jahre her. Gestern am Abend fiel sie mir wieder ein. Ich suchte im Netz nach Seidenpapier für meine diesjährige Weihnachtspost. Ich fand nichts Passendes. Jedoch wurden mir zufällig Sticker in Form von japanischen Püppchen angezeigt. Erneut liefen Tränen über meine Wangen. Ich klickte die Sticker an und gab sie in den Warenkorb. Jetzt sind sie auf den Weg zu mir. Ich freue mich.

© Kristina Fenninger 2020-12-02

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