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Der Apfel

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Der Apfel | story.one

Ich sitze im Bett und streichle über meine Glatze. Tränen verlassen meine Augen. Voller Neid beobachte ich meine Bettnachbarin wie sie in ihren Apfel beißt. Rot ist er! Richtig schön rot! Was würde ich dafür geben, jetzt auch einen solchen essen zu können. Ich habe Hunger! Das Wasser läuft mir im Mund zusammen, während ich sie beobachte.

Zwar bekomme ich zur Schmerzlinderung Morphium in die Venen gejagt, doch sind sie immer noch zu stark, um etwas essen zu können, geschweige denn einen fruchtsäurehaltigen Apfel.

Die starke Mundschleimhautentzündung ist eine Nebenwirkung der Chemotherapie, welche ich gerade bekomme.

Ich betrachte mich im Spiegel. Was ich da sehe, gefällt mir gar nicht. Ich bin abgemagert. Um Kalorien zu mir zu nehmen, lasse ich mir alkoholfreies Weißbier bringen. Als ich dann überhaupt nichts mehr essen kann, werde ich künstlich ernährt.

Nach ein paar Tagen, wenn das Immunsystem wieder nach oben fährt, wird auch mein Mund besser. Ich gehe in den Aufenthaltsraum und hole mir einen Apfel und ein Messer. Um keine Keime aufzunehmen, muss ich ihn schälen, bevor ich ihn verzehren darf. Da ich nicht genug Thrombozyten habe, welche für die Blutgerinnung sehr wichtig sind, kann ich zum Schälen nur ein Buttermesser verwenden. Eine wahre Challenge. Zu gefährlich wäre es, würde ich mich schneiden. Doch die Vorfreude auf das frische Obst ist groß. Außerdem will ich meinem kämpfenden Körper ein paar gesunde Vitamine gönnen.

Das alles ist jetzt gut zwei Jahre her.

„Immer hast du Hunger“, meint ein Freund. „Du bist schuld, wenn ich zunehme, weil du mich immer zum Essen überredest.“ Ständig nämlich muss er mit mir einkehren, wenn wir gemeinsam unterwegs sind. Doch macht er das gerne für mich, weil er weiß, dass der Hunger ein Zeichen dafür ist, dass ich gesund bin. Wenn wir wissen, dass wir wo hingehen, wo es keine Möglichkeit zum Gasthausbesuch gibt, nimmt er immer ein Dutzend Camembert-Brote mit Orangenmarmelade mit. Und ich? Ich habe immer zwei Äpfel dabei.

Heute in der Mittagspause gehe ich mit meinem Hund eine Runde Gassi. Unter einem Baum liegt ein Apfel. Ich hebe ihn auf und beiße hinein. Ungewaschen! Ungeschält! Es macht mir gar nichts, dass etwas Schale zwischen meinen Zähnen stecken bleibt.

Ich drehe meinen Kopf nach rechts und erblicke einen Regenbogen in ganz zarten Farben. Mein Apfel aber ist rot. Richtig schön rot! Und Schmerzen bereitet er mir keine!

© Kristina Fenninger 2020-11-02

Krebs

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