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#nimmsmithumor

Die Einkehrerin

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Die Einkehrerin | story.one

Also ich muss schon sagen, ich war ja wirklich sehr ĂŒberrascht, als man mir sagte, dass es da einen Ort gibt, wo man auch in Zeiten wie diesen, oder vielleicht gerade, weil die Zeiten so sind wie sie eben sind, gut einkehren kann.

Das Jahr 2020 war auch fĂŒr mich Ă€ußerst turbulent. So kommt mir das mit der Einkehr jetzt so kurz vor Jahreswechsel gerade recht. Ich will mich stĂ€rken und laben fĂŒr das Jahr 2021. Wer weiß, welche Herausforderungen es fĂŒr mich bereithĂ€lt.

Einkehren tut auch meiner Seele immer besonders gut. Ich sauge die AtmosphĂ€re auf, und versinke ganz im Augenblick. Ich atme tief ein und wieder aus. Die herrlich wĂŒrzige, gut riechende Luft lass ich tief, ja ganz tief in meine Lungen dringen. Das macht mir Appetit auf mehr. Es hĂ€lt Leib und Seele zusammen, das Einkehren - ja, so sagt man. Noch ein weiterer Vorteil ist, dass man da immer meist nette neue oder bekannte Menschen trifft. Und da ich ja bekanntermaßen mehr oder weniger kontaktfreudig bin, ist das sehr gut fĂŒr mich. Doch gerade in Zeiten wie diesen ist es halt besonders schwierig, Einkehr zu finden.

Umso mehr freue ich mich, dass es also scheinbar doch einen Ort gibt, wo das auch derzeit möglich ist, nÀmlich im oberösterreichischen Maria Schmolln.

FrĂŒh am Morgen wache ich heute auf. Vorfreudig kratze ich das Eis von der Windschutzscheibe und mache mich auf den Weg. GefrĂŒhstĂŒckt habe ich nur einen Kaffee. Denn wenn schon einkehren, dann richtig, natĂŒrlich mit vorherigem Verzicht. Schließlich will ich das heute richtig ausnĂŒtzen, ich komme ja derzeit nicht alle Tage zum Einkehren. Eine kleine Wanderung plane ich vorher auch noch ein. Bewegung ist nĂ€mlich besonders sinnvoll davor, ja, das ließ ich mir sagen.

Als die Kirchenuhr gerade Mittag schlÀgt, komme ich bei den Einkehrmöglichkeiten an. Und was soll ich sagen, alles, ja wirklich alles, ist zu.

Ich gebe ein leises Halleluja von mir, greife zum Handy und wÀhle die Nummer der Person, welche mir eben noch erzÀhlt hatte, dass man in Maria Schmolln derzeit ach so gut einkehren kann. Na warte! Dich wenn ich an den Hörer bekomme!

„Ja natĂŒrlich, liebe Kristina!“, tönt es aus dem Telefon. „Jetzt und zu jeder Zeit kannst du in Maria Schmolln einkehren. Und zwar in dich selbst! Und das jetzt umso besser. Denn gerade jetzt gehört dir doch der Wallfahrtsort ganz allein.“

„Ja Prost Mahlzeit!“, sage ich noch und lege den TrĂ€nen nahe auf. Es wird mir schwindelig, weil ich noch nichts Richtiges gegessen habe.

Doch ruhig ist es hier, ja wirklich ausgesprochen ruhig.

© Kristina Fenninger 2020-12-27

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