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Die Freundin, die sie bezahlen musste

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Die Freundin, die sie bezahlen musste | story.one

Ich will sie Lilly nennen, eigentlich aber heißt sie ganz anders. Lilly ist knapp 30. Jahrelang ging sie zur Psychotherapie. Sie leidet unter Depressionen, und lange litt sie auch unter ihrem “Anderssein“. Lilly steht nĂ€mlich auf Frauen. Oftmals wurde sie deswegen ausgegrenzt. Sie war sehr traurig darĂŒber, und ihr SelbstwertgefĂŒhl war bei Null.

Anfangs wollte sie nicht in die Therapie. Sie tat sich schwer, sich anderen gegenĂŒber zu öffnen, Fremden gegenĂŒber sowieso. Ihre Mutter aber meinte, sie mĂŒsse unbedingt dort hin. Diesmal horchte sie und nahm den Rat an. Aber nur dieses eine Mal. Sie mag es nicht, wenn man ihr sagt, was sie zu tun hat und macht fast immer, grad extra, genau das Gegenteil.

Nervös machte sie sich auf den Weg zu ihrer ersten Sitzung bei der Therapeutin. Widerwillig erzĂ€hlte sie aus ihrem Leben und ĂŒber den Grund, warum sie hier war. Frau Mag. X war ihr nicht sympathisch. Sie hörte nur zu und Ă€ußerste sich nicht. Manchmal stellte sie komische Fragen. Und dafĂŒr sollte sie jetzt 90 Euro bezahlen? Klar bekommt sie von der Kassa wieder etwas Geld zurĂŒck, aber eben nur einen Teil. „Ich geh nicht mehr zu dieser Tussi, die versteht mich nicht, und sagen tut sie auch kaum etwas. Nur blöde Fragen kann sie stellen. Außerdem kostet sie viel Geld. Dort will ich nicht mehr hin“, eröffnete Lilly ihrer Mutter am Abend. „Schau sie dir doch wenigstens ein zweites Mal an. Ich zahle dir die Sitzung“, sagte die Mutter. „Nein, nein und nochmal nein!“ Jetzt fing die Mutter bitterlich zu weinen an. Auch Lilly musste weinen. Ihre Mutter tat ihr leid. „Okay, ich gehe noch einmal zu ihr, aber wenn ich sie dann noch immer nicht mag, dann war das wirklich das letzte Mal.“ Das Gesicht ihrer Mutter hellte sich auf.

Schweren Schrittes ging sie die Woche darauf wieder zur Frau Mag. X . Diesmal nahm sie die wohlige AtmosphĂ€re im Zimmer wahr. Auch die Therapeutin war ihr plötzlich etwas sympathischer. Mit einem strahlenden LĂ€cheln, welches fĂŒr Lilly echt und nicht aufgesetzt wirkte, wurde sie begrĂŒĂŸt. Zaghaft erwiderte sie es. Diesmal tat sie sich schon etwas leichter beim ErzĂ€hlen und Frau Mag. X war ihr auf einmal gar nicht mehr so fremd. So kam es, dass sie fast 3,5 Jahre wöchentlich, wenn das schwarze Loch zu tief, dann manchmal sogar 2 Mal die Woche bei ihr war. Lilly merkte, dass ihr die Fragen der Therapeutin wirklich weiter halfen. Wahrscheinlich viel mehr als Tipps und Tricks. Denn was fĂŒr einen gut ist, darauf muss man eben selbst kommen. Wie soll das schon jemand anderes wissen?

Lilly wechselte den Job. Sie verdiente auf einmal um vieles weniger und konnte sich die teuren Stunden nicht mehr leisten. Sie war traurig, doch es half nichts, sie musste aus finanziellen GrĂŒnden abbrechen. Mit einem Wiesenblumenstrauß verabschiedete sie sich von ihrer Freundin, die sie bezahlen musste. Doch Freundinnen sind sie noch immer. Sie und Frau Mag. X. Und ĂŒbrigens: Lilly hat fast gleichzeitig eine Partnerin gefunden, mit der sie sehr glĂŒcklich ist.

© Kristina Fenninger 2020-06-19

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