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#mutmacher

Die Hochzeit

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Die Hochzeit | story.one

Diese Geschichte, so finde ich, passt sehr gut zur jetzigen Corona-Zeit. Deshalb möchte ich sie euch erzählen:

Die Krankenschwester sitzt bei mir am Bett und erklärt mir und meinem Freund, was ich daheim zu beachten habe, wenn ich jetzt das Krankenhaus für einige Tage verlassen darf.

„Also Kristina, wenn du MORGEN jetzt dann heim darfst …“ Mit großen Augen schaue ich sie nun an. Es war ja ausgemacht, dass wir zu meinem Freund sagen, dass ich erst am Montag heim darf. „Morgen?“, frage ich sie nun, und sie versteht. „Nein Kristina, am Montag natürlich“, verbessert sie sich. Jetzt bin ich erleichtert.

Es soll eine Überraschung für meinen Freund sein. Morgen nämlich ist die Hochzeit seines Vaters. Deshalb drückt die Oberärztin alle Augen zu und entlässt mich an einem Samstag. „Sie sind ein Schatz, Frau Doktor“, sage ich mit Tränen der Freude in den Augen. Sie lächelt mich an. Voller Vorfreude erwarte ich die Hochzeit und auch, dass ich das erste Mal seit vielen Wochen wieder an die frische Luft darf. Wie sehr ich mich doch danach sehne! Und nach meinem eigenen Bett und nach leckerem Essen. Auch körperliche Nähe und Berührungen werden jetzt wieder möglich sein. Aus Gründen der Vorsorge war mir das nicht erlaubt. Mein Immunsystem war unten und wer weiß, was ich mir alles hätte einfangen können.

Das Morgen kommt, meine Freundin holt mich im Krankenhaus ab und bringt mich nach Hause. Ich schlüpfe in ein schönes Kleid, mache mich ein wenig hübsch und bedecke meine Glatze mit einem von meiner Schwester selbstgenähten Tuch, welches so gut zum Kleid passt. Meine Mama kommt zu mir, packt mich und unseren Hund Benny ins Auto, und wir machen uns auf den Weg. Die standesamtliche Hochzeit und das Mittagessen sind bereits vorüber, doch soll es ein Fest im Garten des Ehepaares geben. Kurz bevor wir dort ankommen, lassen wir die Fensterscheiben des Autos runter. Benny hält seinen Kopf aus dem Fenster. Er liebt es im Wind zu surfen.

„Das ist ja Benny!“, höre ich von weitem, als wir in den Parkplatz einfahren. Freudig steige ich aus dem Auto. Alle Blicke sind nun auf mich gerichtet. Jetzt habe ich der Braut ein wenig die Schau gestohlen. Das war nicht meine Absicht.

Mein Freund kommt jetzt auf mich zu. Er kann seinen Augen nicht ganz trauen. Alle freuen sich sehr, dass ich da bin. Spontan wird auch meine Mama eingeladen, der Feier beizuwohnen.

Ganz so gut genießen kann ich das Fest allerdings nicht, nämlich ist das alles ein wenig viel für mich, doch bin ich sehr dankbar, dass ich dabei sein kann.

Am frühen Abend fahren mein Freund und ich nach Hause. Die erste Nacht daheim ist der Zeitpunkt, ab dem es mit mir ziemlich bergab geht. Ich kann kaum noch schlafen. Meine Psyche leidet sehr darunter, und ich bin am Ende meiner Kräfte.

Doch auch diese Zeit geht vorbei, und ich kann sehr gestärkt daraus hervorgehen.

© Kristina Fenninger 2021-01-01

mutmacherKrebs

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