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Die Knastschwestern

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Die Knastschwestern | story.one

Slowenien 2017: „Hoffentlich sperrt man mich nicht in einer der zwei fensterlosen, winzigen, kalten Zellen im Keller ein.“ Graffiti und Kratzer verzweifelter Häftlinge zieren dort die Wände, das weiß ich von anderen. Doch man ist gnädig und weist mir eine Zelle zu, welche sogar ein Fenster hat. Wenn auch ein vergittertes, versteht sich wohl von selbst - immerhin. Wenigstens bekomme ich hier etwas Licht.

„Warum habe ich das nur getan? Warum?“, frage ich mich, während die Gittertür verschlossen wird. Doch jetzt ist es zu spät, um zu hinterfragen. Ich kann es halt nicht mehr rückgängig machen. Nun muss ich die Verantwortung für mein Handeln übernehmen und mit den Konsequenzen leben. Ich rede mir gut zu: „Alles geht vorüber, alles!“ Doch jetzt bin ich erst einmal da und versuche, das Beste aus der Situation zu machen.

Ich steige die Stufen des Stockbettes hinauf und liege Probe. „Na Halleluja!“ Sofort sehne ich mich nach meinem kuscheligen Bett daheim. „Schlaf ist unglaublich wichtig für meine psychische Gesundheit. Wie soll ich hier zur Ruhe kommen? Vielleicht drehe ich durch hier drinnen und muss deshalb noch länger bleiben?“, überlege ich. Das untere Bett ist bereits von meiner Schwester belegt. Wenigstens bin ich nicht allein hier.

Bevor ich durch die Tür dieses Gebäudes gegangen bin, habe ich noch einmal richtig viel gegessen und getrunken. „Wer weiß, wann ich wieder mal etwas Ordentliches bekomme?“ „Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen“, sagt meine Oma immer. Und etwas Nervennahrung kann ich gerade gut gebrauchen. Doch so kommt es, dass ich halt aufs Klo muss. Ich schaffe es, aus der Zelle hinauszukommen und betrete das Gemeinschaftsbad am Gang. Dort treffe ich andere Häftlinge. „Unheimlich“, sage ich nur. „Wirklich sehr unheimlich.“ Da bin ich dann schon froh, als ich wieder zurück in meiner Zelle bin. Hier fühle ich mich wenigstens sicher.

Am Abend gewährt man meiner Schwester Andrea und mir Ausgang. An der Bar (ja, dieses Gefängnis hat sogar eine solche) trinken wir schweren Rotwein, in der Hoffnung, dass wir dann zumindest einigermaßen gut schlafen können. Doch leider verfehlt der Wein seine Wirkung. Doch auch eine finstere, schlaflose Nacht, in der ich übrigens zu beten begonnen habe, geht vorbei.

Schon am nächsten Tag dürfen wir wieder raus in die Freiheit. Wir betrachten das Gefängnis von außen. Ganz bunt ist es. Von Künstlern in ein Hostel umgestaltet. Es nennt sich: Celicia - die Zelle.

Wir schlendern dann noch durch die wirklich ausgesprochen schöne Stadt Ljubljana. Einen Besuch auf der Burg kann ich wirklich nur empfehlen. Wir lassen es uns gut gehen, bevor wir die Heimreise antreten. Nach dieser Nacht wollen wir uns verwöhnen lassen. Und am Abend bin ich dann sehr froh, wieder in meinen eigenen kuscheligen Bett schlafen zu dürfen.

Wisst ihr, wo wir dann im letzten Jahr übernachtet haben? Nein? Gut, ich verrate es euch: in einem alten Schlachthof, und dort war es wirklich ausgesprochen gemütlich.

© Kristina Fenninger 2020-07-22

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