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#freunschaft#rotermohn

Die Mohnblume

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Die Mohnblume | story.one

Verschwitzt wache ich auf. Draußen ist es heiß, so heiß, dass bereits die Mohnblumen zu blühen begonnen haben. Mohnblumen sind ihre Lieblingsblumen. Am liebsten mag sie sie im zarten Rosa. Doch solche kann ich heute nicht finden. Darum pflücke ich ihr eine rote. Rote Mohnblumen blühen sehr viele drüben auf der Wiese. Da fällt es gar nicht auf, wenn ich eine hole.

Ich weiß, Blumen sind nicht erlaubt hier auf dieser düsteren Station.

Doch was soll es. Ich überlege, wie ich das anstellen kann.

Sie liegt hier und starrt an die kahle weiße Wand. Es ist so, als würde sie mich gar nicht bemerken, als wäre ich Luft für sie. Es geht ihr nicht gut.

Ihre Haut ist dünn geworden, dünn und faltrig. So dünn, als wäre sie das Kleid eines Schmetterlings. Doch es ist nicht die Haut eines Schmetterlings, es ist ihre Haut.

Schweigend sitze ich also bei ihr am Bett. Irgendwann schaut sie mich an. Ein Lächeln huscht ihr jetzt über das Gesicht. Ich öffne meine Faust und zeige ihr die Mohnblume.

Etwas mitgenommen sieht sie aus die Knospe, war sie doch minutenlang in meiner Hand versteckt. Doch das macht nichts. Sie blinzelt und presst ein leises Danke zwischen ihren Lippen hervor.

Im letzten Jahr dann muss ich die Mohnblume nicht in meiner Faust versteckt ins Krankenhaus einschmuggeln. Es geht ihr so gut, dass wir in der Stadt gemeinsam ein erfrischendes Himbeersoda trinken können.

Ich pflücke ihr einen bunten Sommerstrauß, und als es langsam Nacht wird, beginnen die Mohnblumen beinahe ein wenig herauszuleuchten.

Sogar berühren können wir uns jetzt. Ihre Haut ist zwar nicht so stark wie die eines Elefanten, doch auch nicht mehr so dünn wie die eines Schmetterlings. Ich streichle ihre Hand.

Und dieser Sommer ist der Sommer, in dem auch ich die Mohnblume zu meiner Lieblingsblume auserkoren habe und meine Freundin bereits ein Schmetterling ist.

© Kristina Fenninger 2021-06-21

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