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Die Prüfung in Flip-Flops

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Die Prüfung in Flip-Flops | story.one

Ich sitze da und lerne. Meine Tagesmutter-Prüfung steht an. Doch es fällt mir sehr schwer, mich zu konzentrieren, nämlich habe ich starke Schmerzen am ganzen Körper und fühle mich noch dazu sehr müde. Längst schon habe ich meine Abschlussarbeit mit dem Titel "Das Seelenleben der Kinder" fertig und eingereicht. Nun aber muss ich mich auf den schriftlichen Test vorbereiten.

Letzte Woche erst war ich wegen starker Zahnschmerzen beim Doktor. Er meinte, diese seien psychisch bedingt. Also schiebe ich nun meine Ganzkörperschmerzen auch auf die Psyche, war ich doch erst vor einem Monat bei der Gesundenuntersuchung.

Unter höchster Anstrengung nehme ich nun am schriftlichen Test teil. Einige Tage später geht es mir dann so schlecht, dass ich doch zum Arzt gehe, und nocheinmal mehrere Tage später bin ich dann an meiner ersten Chemotherapie angehängt. Viele Wochen muss ich nun durchgehend im Krankenhaus sein. Die Station darf ich nicht verlassen. Ein großer Schock natürlich. Auch bin ich sehr traurig, dass ich meine Abschlussarbeit Ende des Monats nicht präsentieren kann und somit den Abschluss nicht erreichen werde.

Doch diese Traurigkeit ist umsonst. Die Lehrgangsleiterin ruft mich an und fragt, ob ich die Präsentation im Krankenhaus machen will. Und ob ich will! Wir vereinbaren einen Termin. Ich freue mich und bin sehr motiviert.

So gut es geht bereite ich mich vor. Die Krankenschwester bringt mir Papier und Klebeband. Meine Freundin liefert mir einen Wasserfarbenkasten. Aus diesen Materialien bastle ich nun ein Plakat. So weit wie möglich lerne ich die Arbeit auswendig. Nur nicht zu oft aufs Papier schauen, denke ich mir.

Nach einigen Wochen ist es dann soweit. Ich tausche das Nachthemd in festliche Kleidung, die mir mein Freund bringt und schlüpfe in Flip-Flops. High Heels sind nicht erlaubt im Krankenhaus. Auf der Tür des Fitnessraumes hängt nun ein Zettel mit der Aufschrift: „Wegen einer Prüfung gesperrt“. „Wir haben schon viel erlebt hier auf der Station, doch eine Prüfung hat hier noch niemand absolviert“, sagt mir die Krankenschwester. Ich bin nervös, und doch fühle ich mich gut vorbereitet. „Ich schaffe das!“, rede ich mir zu.

Nun also kommt die Prüferin mit Handschuhen, Mundschutz und Plastiküberzug. Diese Maskerade ist aus hygienischen Gründen unerlässlich. Wir gehen in den Fitnessraum, und ich präsentiere voller Freude meine Arbeit. Nach einer Minute fällt die Anspannung ab. Das Reden macht mir nun Spaß. Anschließend werden mir noch ein paar Fragen gestellt. Aber nur wenige, weil ich fast alles, was die Prüferin von mir wissen will, ohnehin schon selbst gesagt habe. Anschließend verabschieden wir uns herzlich.

Nach einigen Wochen kommt dann mein Zertifikat daheim an. Ich habe mit sehr gutem Erfolg bestanden. Und ich sage euch, darauf bin ich schon sehr stolz.

Vielen Dank an alle, die mitgeholfen haben, dass ich die Prüfung machen kann. Mein ganz besonderer Dank gilt dir, liebe J.

© Kristina Fenninger 2020-10-08

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