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Die Punktion

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Die Punktion | story.one

Beinahe kann ich sie schon spĂŒren die Nadel, die mir in der kommenden Woche am Beckenkamm angesetzt werden wird. Sie wird sich durch meine Haut bohren und auch durch die harte Knochensubstanz. Wenn sie im Knochenmark angekommen ist, wird mit der Spritze Knochenmark angesaugt werden. Danach wird sie gezogen, und man wird mir einen leichten Verband anlegen. NatĂŒrlich wird man mir vorher ein starkes Schmerzmittel verabreichen, damit ich so wenig Schmerzen wie nur möglich haben werde.

Es sind noch ein paar Tage hin bis zu meiner nĂ€chsten Punktion. Aber die Angst davor kann ich jetzt schon stark spĂŒren. Nicht die Angst vor den Schmerzen. Nein, sie sind meist nicht so stark, auch wenn es wahrlich nicht angenehm ist. Vielmehr ist es die Angst vor dem Ergebnis. Es könnte ja sein, dass wieder etwas nicht passt. Dass vielleicht nur ein paar Zellen auf ein Rezidiv hinweisen. Bei diesen Gedanken wird mir ganz bange. Ich möchte nicht noch einmal gegen den Krebs kĂ€mpfen mĂŒssen.

Mit zwei Menschen aus meiner Zeit im Krankenhaus nĂ€mlich bin ich noch in Verbindung. Beide sind wieder erkrankt. Die eine erst vor ein paar Wochen. Ich war bei ihr, als sie erfuhr, dass sie ein Rezidiv hatte. Sie war im Krankenhaus. Man dachte, es sei etwas ganz anderes. Ich war auf Besuch bei ihr. Eine Ärztin kam ins Krankenzimmer und schickte mich raus. Als ich wieder reingebeten wurde, erfuhr ich es. Es war schrecklich.

Das Ganze natĂŒrlich verstĂ€rkte meine Angst auch, wenn ich mich derzeit körperlich recht gut fĂŒhle.

Vor ein paar Tagen war ich in der BĂŒcherei. Eine Dame plauderte mit der Bibliothekarin. Sie war so um die 60 Jahre alt, die Dame. Es ging um einen ihr sehr nahestehenden 80-jĂ€hrigen Mann. Er ist ebenfalls an Krebs erkrankt. Sie sagte: „Mit 25 oder 30 Jahren schafft man das viel leichter als mit 80.“ Mir zerriss es fast den Kragen, als ich das hörte. Bestimmt meinte es die Dame auch gar nicht böse. Trotzdem.

Bitte versteht mich nicht falsch. Jedes Leben, ob junges oder altes, ist fĂŒr mich kostbar, und es mag sehr wohl sein, dass man es mit 25 leichter schafft als mit 80. Doch ich denke, dass ich um meine Gesundheit “lieber“ im hohen Alter als mit knapp 30 Jahre bangen wĂŒrde. Ebenso wĂ€re mir dann die durch die Medikamente hervorgerufene Unfruchtbarkeit egal.

Die Angst möchte ich aber nicht gewinnen lassen, sondern die Zuversicht. Und Zuversicht wĂŒnsche ich auch dir von Herzen, falls du oder ein dir nahestehender Mensch gerade gegen Krebs kĂ€mpfst oder so wie ich in der Nachsorge bist. Zuversicht wĂŒnsche ich dir aber auch, wenn du vor etwas Angst hast und gar nicht weißt, warum. Möge die Zuversicht die Gewinnerin sein und nicht die Angst.

© Kristina Fenninger 2020-01-19

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