skip to main content

französische Leichtigkeit

  • 110
französische Leichtigkeit | story.one

“Black Magic Woman“ tönt es die Gasse runter. Schritt für Schritt nähern wir uns dem Gitarristen, und je näher wir kommen, desto mehr wundert es mich, dass die über uns aufgehängten rosa Schirme nicht zu tanzen beginnen. In Perfektion spielt der Musiker sein Instrument. Was aber, wie ich finde, noch wichtiger ist, als etwas perfekt zu können, ist etwas mit Freude und Leidenschaft zu tun. Und was soll ich sagen: Carlos Santana hätte bestimmt seine Freude, wenn er jetzt zuhören könnte.

Für einige Momente bleiben wir stehen, verweilen und lauschen. Ein paar kleine Münzen krame ich hervor und gerade als ich sie in seinen Hut werfe, strömt mir ein unwiderstehlicher Geruch entgegen. Ich drehe meinen Kopf nach rechts und lese: “Plate de jour: moules et frites“. Das Meer, das hier besonders azurblau ist, ist nicht weit.

Da es jetzt sowieso Mittag ist und sich Hunger in uns breit macht, nehmen wir Platz und bestellen das Tagesgericht, frische marinierte Muscheln mit Pommes, dazu ein Gläschen Weißwein. Bedient werden wir von zwei freundlichen, quirligen Kellnerinnen. Wobei eine von ihnen, die mit der ausladenden Perlenkette, dem besonders schönen Kleid und den knalligen roten Lippen eigentlich ein Mann ist, oder zumindest mal einer war. Ich mag es, wenn Menschen so leben, was und wie sie wollen.

Zufrieden genießen wir unser Essen, lauschen sowohl den Klängen der Musik als auch der französischen Sprache. Die Tische um uns sind brechend voll. Es herrscht reges Leben. Viele Einheimische haben sich zum Mittagstisch hier versammelt.

Immer wieder bleibt mein Blick bei den über uns aufgehängten Schirmen hängen. Genauso wie es jetzt ist in diesem Moment anfühlt, genauso habe ich mir Frankreich vorgestellt. Ich bin zum ersten Mal hier. Mit dem Zahlen müssen wir dann warten, bis die Kellnerin ihre Zigarette ausgeraucht hat. Kurz ärgere ich mich, doch dann denke ich mir: “Eigentlich hat sie recht“. In meinen Ferien hier lerne ich, dass man in Frankreich vieles etwas lockerer sieht. Das will ich mir mit nach Hause nehmen.

Grasse, die Stadt in der wir uns gerade befinden, ist die Stadt des Parfums. Mehrere Duftfabriken haben sich hier angesiedelt. Auch das Buch “Das Parfum“ von Patrick Süskind hat Grasse als Schauplatz. So verlassen wir nach dem Essen die Altstadt und machen uns auf den Weg zu eben solch einer Fabrik mit dem Namen Fragonard.

Hunderte verschiedenen Düfte werden hier angeboten. Ich muss mich entscheiden und kaufe mir den diesjährigen Sommerduft “Fleur de Passion“.

Wieder daheim sprühe ich mir den Duft auf meine Haut und schwelge in Erinnerungen an die schönen Momente in Grasse, der Stadt des Parfüms, und für mich die Stadt der Lebensfreude.

Nicht zuletzt wegen der aufgehängten Schirme, welche im Wind bestimmt zu tanzen beginnen. Und wenn ich mir wieder mal über Unnötiges den Kopf zerbreche, sage ich mir, eine Französin würde das nicht tun, weil es gar nicht wert ist, sich wegen alles Gedanken zu machen.

© Kristina Fenninger 2021-07-15

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.